Deutsch von Eva M. Pieper und Alexandra Schmiedebach

PREMIERE 15. FEBRUAR 2019

SPIELSTÄTTE STADTTHEATER KONSTANZ

Verlieren die gewählten Volksvertreter das Volk aus den Augen? Haben sie vergessen, aus welchen Gründen sie einst die Politik als ihr Wirkungsfeld wählten? Haben sie den Anschluss an die Wirklichkeit verloren, weil öffentliche Repräsentation zunehmend ihr Privatleben ersetzt? Sind statistische Umfragewerte längst an die Stelle eigener Wahrnehmung getreten? Haben Zukunftsvisionen im drückenden Tagesgeschäft keinen Platz mehr? Geht es ihnen nur noch um den eigenen Machterhalt? Diesen Fragen stellt sich die Inszenierung von Momentum.

20 Jahre lang haben sie sich zu dritt erfolgreich bis zum Gipfel der politischen Macht hochgekämpft. Jetzt schwächelt der Regierungschef und Parteivorsitzende Meinrad Hofmann am Ende der Legislaturperiode. Die Umfragewerte fallen ohnehin und die Partei steht nicht mehr geschlossen hinter ihm. Hofmann fühlt sich ausgebrannt, will zurücktreten und sich nicht erneut der Wahl stellen. Ehefrau Ebba und sein enger Berater Dieter Seeger sind schockiert. Das Dreigespann droht auseinanderzufallen. Das gegenseitige Vertrauen schwindet. Der Regierungschef verweigert jeden Rat, der ihn vor dem Karriereende bewahren könnte. Gibt es einen Ausweg aus der Sinnkrise?

Ein neues Stück der niederländischen Autorin um den Preis der Macht und um verlorene Ideale.

 

CLAUDIA MEYER

studierte von 1992 bis 1996 Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Ab 2000 spielte sie als Ensemblemitglied am Deutschen Nationaltheater Weimar. Zu ihren wichtigsten Rollen dort zählten das Gretchen in der mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichneten Inszenierung von Goethes Faust I. Seit 2004 ist Claudia Meyer auch als Regisseurin tätig. Mit Elfriede Jelineks Die Winterreise arbeitete sie konsequent mit Text basierten Theaterformen. Weitere Regiearbeiten führten Claudia Meyer u.a. nach Klagenfurt und zum Tanztheater Erfurt. Zuletzt arbeitete Claudia Meyer am Konzert Theater Bern. Dort inszenierte sie u.a. Frischs Biedermann und die Brandstifter, zusammen mit Musik und Chor in der Komposition von Michael Wilhelmi, Der Weibsteufel von Karl Schönherr und Shakespeares Othello. Es folgten die Schweizer Erstaufführung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen, die Bühnen-Adaption und Uraufführung von Christian Krachts Roman Die Toten sowie im Dezember 2018 Das Missverständnis von Albert Camus.

Am Theater Konstanz inszenierte sie in der Spielzeit 2017/2018 Jelineks Wut.

REGIE Claudia Meyer

BÜHNE Claudia Meyer

KOSTÜM Anna Ignatieva

DRAMATURGIE Jan Kauenhowen

MIT Renate Winkler (Ebba Hofmann); Ralf Beckord (Meinrad Hofmann), Ingo Biermann (Dieter Seeger), Dan Glazer (Das ungeborene Kind – DUK), Thomas Fritz Jung (Ekram Lindner)

Fotos: Theater Konstanz © Ilja Mess


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Herlinde Koelbl: Alphatiere
[Originalbetrag für das Spielzeitheft 2018/19 des Düsseldorfer Schauspielhauses]

Alphatiere

Lot Vekemans’ neues Stück »Momentum« kreist um die Fragen von Macht und Politik — Die Uraufführung findet im Oktober in Düsseldorf statt — Die Fotografin Herlinde Koelbl beschäftigt sich seit langer Zeit mit diesem Phänomen

Es beginnt schon im kleinen Kosmos des privaten Lebens. Wer hat die Macht in einer Beziehung, in einer Familie, in der Schule, und es geht weiter im Berufsleben. Wir sind in Hierarchien eingebunden. Und somit entstehen Machtstrukturen und Abhängigkeiten. Dies kann sehr subtil sein, kaum wahrnehmbar, oder dass wir ausgeliefert sind und missbraucht werden. Der Umgang mit Macht ist ein Allerweltskonflikt, schon der Vorstandsvorsitzende einer Schrebergartenanlage kann den anderen seine Macht spüren lassen oder der Lehrer einen Schüler demütigen und ihn an seinen Qualitäten zweifeln lassen. Das Spiel, Macht auszuüben und zu erdulden, begleitet uns immer. Und im Alter tritt dieses Ausgeliefertsein verstärkt auf, manchmal in umgekehrter Form als früher.

Macht zu besitzen und auszuüben verändert den Menschen. In meinem »Spuren der Macht«-Projekt sagte Angela Merkel schon 1993, als sie gerade erst zwei Jahre Bundesministerin für Frauen und Jugend war: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein restliches Leben so ablaufen wird, wie es abläuft. Bei diesem Nomadenleben geht einem etwas verloren.« Und 1997 hatte sie die Erkenntnis: »Indem ich die politische Rolle annehme, verändere ich mich andererseits als Privatmensch. Ich bin nicht mehr so, wie ich war.« Es ist eine Illusion, zu glauben, dass Macht nicht ihren Preis fordert. Politikerinnen und Politiker werden zu gläsernen Menschen. Die Öffentlichkeit spielt eine entscheidende Rolle in dieser Veränderung. Was immer sie tun, welche Kleidung, welchen Haarschnitt, welche Farben sie tragen, ob sie müde aussehen, ihre Mimik, ihr Privatleben, alles wird begutachtet. Das ist jedoch nur das Äußere. Auch die Worte, die Gedanken, die Ideen werden beurteilt. Um sich zu schützen, lernen Politikerinnen und Politiker, sich eine Maske zuzulegen, damit Gefühle und Verletzungen öffentlich nicht so leicht sichtbar werden. Und die Maske, die zehn Stunden oder mehr am Tag getragen wird, kann man nicht wie einen Hut an der Garderobe ablegen. Andererseits brauchen die Politikerinnen und Politiker die Medien für den Aufstieg. Sie brauchen Aufmerksamkeit. Sind sie nicht bekannt, werden sie nicht gewählt, deshalb müssen sie in die Öffentlichkeit gehen, sie geradezu suchen. Politik und Macht sind immer Synonyme.

Um erfolgreich zu sein, sagte Joschka Fischer, um ganz nach oben zu kommen, »braucht es den absoluten Willen zur Macht«. Wenn man entschlossen ist, den Weg nach oben zu gehen, kann man Macht nicht nur ein bisschen wollen. Doch wenn man denkt, man ist oben, gibt es schon die Nächsten, die auch nach oben wollen. Das Spiel beginnt von Neuem. Aufstieg bedeutet erst mal Wettbewerb, Kampf, Streit und Härte. Durchsetzen heißt, Gegner hinter sich zu lassen, Enttäuschung, Wut und Neid zu produzieren. Karlheinz Blessing, unter Björn Engholm Bundesgeschäftsführer der SPD, wechselte dann in die Wirtschaft, kennt also beide Seiten, sagte einmal: »Sie sind gezwungen, sich zu reduzieren, mit der normalen Verwundbarkeit des Menschen können Sie nicht überleben. Sie müssen eine Brutalität haben im Abstoßen und im Bekämpfen von Leuten. Und wenn Sie aus reiner Menschlichkeit Leute in Funktionen lassen, bezahlen Sie am Ende den Preis dafür, dass Sie nicht gehandelt haben. Sie halten das nur aus, wenn Sie menschliche Regungen völlig ausblenden.« Bei Kabinettsbildungen gibt es immer wieder größte Enttäuschungen. Altgediente, die beim Aufstieg mitgeholfen haben, erwarten ihren Lohn und werden ignoriert. Der politische Freund, der auch Taufpate eines Kindes ist, erhofft sich einen Ministerposten und wird schmählich abserviert.

Freundschaften sind in der Politik fast unmöglich. Intrigen zu überstehen ist schon normal. Trotzdem halten sie alles aus, wollen dabei sein bei den Ringkämpfen um die Macht, wollen immer wieder bestehen, Sieger sein. Selbstverständlich wollen sie auch verändern, gestalten, etwas für andere tun. Aber neben diesen inhaltlichen Motiven gibt es schlichte Eitelkeit und deren Befriedigung. Oder den Antrieb, Defizite auszugleichen. Macht ist die Befruchtung des Egos. Henry Kissinger sagte, Macht sei das größte Aphrodisiakum. Die ehemalige Ministerin Irmgard Schwaetzer drückte es sehr treffend aus: »Die öffentliche Aufmerksamkeit schmeichelt dem Ego. Und es gibt auch ein Gefühl der Superiorität, das mit Macht verbunden ist. Das Gefühl, mehr zu sein als die anderen.« Macht ist etwas Lustvolles, auch die Umsetzung. Wer wollte da nicht mitmischen. Doch die Schalthebel der Macht sollten nie zum Selbstzweck verwendet werden. Natürlich gibt es immer wieder Versuche, die eigene Position mit subtilen psychischen Einschüchterungsstrategien zu verteidigen. Sich nicht ergreifen zu lassen von der Macht, ihr nicht zu nahe zu kommen, sie nicht zu missbrauchen setzt Charakter und Reife voraus.

Atavistisches Verhalten tritt besonders in der Welt der Macht auf. Kein Alphatier darf öffentlich Schwäche zeigen. Der Körper sollte möglichst Sicherheit, Präsenz, Autorität ausdrücken, auf keinen Fall Unsicherheit. Der äußere Druck ist groß. Das gilt nicht nur in der Politik, doch in der Politik besonders. Denn bei jeder Schwäche sind die hungrigen Rivalen dem Alphatier auf den Fersen, um auszuprobieren, ob ihnen der Kampf um die Rangfolge gelingt.

Fast nie gibt einer die Macht freiwillig ab. Denn er wird bedeutungslos. Fällt ins Dunkel, wo er doch immer im Licht stand und gesehen wurde. Als ich den Film »Die Meute« drehte, fragte ich einen Journalisten, ab wann ein Politiker nicht mehr interessant sei für ihn. Und er äußerte sehr klar: »In der Minute, in der er sein Amt verliert.« Alle Kraft, Energie und Zeit ging in das Amt, das private Leben wurde extrem vernachlässigt. Und nun setzt der Entzug ein, wie bei Alkohol. Es bedeutet, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Und das Leben neu zu überdenken. Manche erkennen erst im Rückblick, »dass das Unglück auch mein Glück war. Doch zu dieser Erkenntnis gelangen die Gestürzten oft erst nach Jahren, nachdem das Tal der Kränkung und Enttäuschung durchschritten ist und andere Lebensantennen wieder sensibilisiert wurden. Ohne die von außen angestoßene Krise würde wohl keiner die Chance der Verwandlung wahrnehmen. Denn Macht in ihrem Kern und auf ihrem Gipfel verachtet Verwandlung.

Herlinde Koelbl zählt zu den meistdiskutierten Fotografinnen Deutschlands. Oft arbeitet sie in groß angelegten Zyklen zu gesellschaftlich tabuisierten Themen. Für das Projekt »Spuren der Macht« fotografierte sie von 1991 bis 1998 jährlich 15 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, und dokumentierte so den Werdegang von Joschka Fischer, Gerhard Schröder und Angela Merkel u. a. 

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