Es muss etwas Außergewöhnliches vor sich gehen, wenn zweihundert Schülerinnen und Schüler eine ganze Doppelstunde in einem Raum still beieinander sitzen. Die Blicke der Jugendlichen sind auf Dr. Grete Leutz gerichtet, sie ist seit über acht Jahrzehnten Überlinger Bürgerin und wohnhaft in einem Haus in der Uhlandstraße. Sie berichtet heute vor Konstanzer Schulklassen von ihren Erinnerungen aus dem Winter 1944/45. Wie einige der Schülerinnen und Schüler im Raum, war sie damals 14 Jahre alt. In jenem Winter mussten rund 800 KZ-Häftlinge Tag für Tag zu 12-Stunden-Schichten durch die Überlinger Uhlandstraße hinab zum See oder wieder hinauf ins Lager gehen. Hintereinander in Fünferreihen. Auch nur zur Seite zu sehen war ihnen verboten. Vorne, hinten und an den Seiten begleitet von SS-Wachen mit Schlag- und Schusswaffen und abgerichteten Schäferhunden. Die Häftlinge hatten keine Gesundheitsversorgung, nur dünne Kleidung und kaum zu Essen. Trotz schwerer Arbeit gab es beispielsweise Kohlsuppe und täglich nur ein wenig Brot.

„Ein Ei pro Monat und ein Wienerle pro Woche und Person stand der deutschen Bevölkerung damals zu“, so erinnert sich das Mädchen aus der Uhlandstraße. Hungern musste dennoch niemand, ergänzt sie, weil es hier am Bodensee ausreichend Obst und Kartoffeln gab.

Einmal, so Dr. Grete Leutz, sei sie die Straße hinab zu einer Nachbarsfamilie gelaufen, um Kartoffelschalen als Hühnerfutter vorbeizubringen. Manchmal hätte es so ein zusätzliches Ei gegeben. Als sie an diesem Winterabend hinab lief, kauerte unweit ihres Hauses ein Häftling auf der Straße, der von zwei SS-Wachen mit Stiefeltritten traktiert wurde. „Steh auf!“, brüllt Grete Leutz hallend in den Wolkensteinsaal im Konstanzer Kulturzentrum am Münster. Die in ihrem Berufsleben namhafte Psychotherapeutin bat zuvor jemanden sich wie der Häftling zu Boden zu legen und deutet dann immer wieder kräftige Tritte auf die Liegende an. „Steh auf! Steh auf! Steh auf!“. Beklemmung herrscht im Raum. Frau Leutz bedankt sich und bittet wieder aufzustehen. Man könne sich die Brutalität kaum vorstellen. Nur durch Erzählen allein schon gar nicht. Auch über ihre Angst und Ohnmacht als Jugendliche spricht sie. Hätte sie sich auf einen Stiefel des SS-Manns stürzen sollen?, fragt sie in die Runde. Um überhaupt etwas zu tun, habe sie einen bekannten Schlager gepfiffen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Zuhause hinter vorgehaltener Hand hätten sie diesen immer ergänzt mit „auch Adolf Hitler und seine Partei“.

Sie erzählt sichtlich bewegt von dem Sterbenden auf der Straße. Bei der Nachbarsfamilie habe sie sich erst ausweinen müssen, bevor sie wieder den Weg hinauf ging. „Ich kann Euch noch heute die Stelle haargenau zeigen“, blickt sie zu den Jugendlichen auf. Nur wenige Meter habe es der Häftling noch geschafft nachdem sie zu den Nachbarn hinab ging. Nun lehnte er in seiner Häftlingskleidung in sich zusammengesackt an einem Mäuerchen am Straßenrand. Einer der Wachen holte beim nahen Bauernhof eine Handkarre, um den Toten ins Lager zu schaffen. Der andere ging vor dem zu Tode Geschundenen rauchend und mit seinem Schäferhund auf und ab. „Solche Dinge habe ich in ihrem Alter erlebt“, endet sie die Episode. Stille im Raum.

Die Veranstaltung für die Schülerinnen und Schüler wurde von Petra Quintini von der Initiative „Stolpersteine für Konstanz – gegen Vergessen und Intoleranz“ organisiert und von zahlreichen Lehrerinnen und Lehrern Konstanzer Schulen angenommen. Eingeladen wurde im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2019.

In der Außenstelle Überlingen des KZ Dachau mussten ab Oktober 1944 Häftlinge einen Stollen in den Molassefelsen treiben, um die Friedrichshafener Rüstungsindustrie am Bodensee „bombensicher“ unterzubringen. Bis April 1945 liefen viermal pro Tag die Kolonnen der Häftlinge durch den Überlinger Westen.

Fragen der Schülerinnen und Schüler waren beispielsweise, ob man an die Versprechungen Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten geglaubt habe, ob es Menschen gab, die den Häftlingen geholfen haben oder ob man in der Schule über das KZ gesprochen habe.

Unter dem Titel des gleichnamigen Dokumentarfilms bildete die Veranstaltung „Wie Dachau an den See kam …“ bereits die zentrale Gedenkveranstaltung am Abend des 27. Januar 2019 im Konstanzer Wolkensteinsaal. Getragen war das Gedenken in Konstanz neben der Initiative Stolpersteine vom Kulturamt der Stadt Konstanz, der Volkshochschule Landkreis Konstanz e. V., der Deutsch-Israelische Gesellschaft Bodensee-Region, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Konstanz e.V., der Jüdischen Gemeinde Konstanz e.V. sowie der VVN-BdA Kreisvereinigung Konstanz.

Eingeladen waren der Filmregisseur Jürgen Weber und die Zeitzeugin Dr. Grete Leutz. Die Diskussionsrunde des Abends ergänzte der Vorsitzende des Vereins „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.“, Oswald Burger. Neben Vertreterinnen und Vertretern von Stadt Konstanz und Gemeinderat waren auch die aktuellen Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Aleida und Jan Assmann anwesend.

Sowohl bei der Gedenkveranstaltung, als auch bei der Schulveranstaltung am 28. Januar lief eine gekürzte Fassung des Dokumentarfilms „Wie Dachau an den See kam …“. Beide Veranstaltungen übertrafen mit insgesamt über 300 Teilnehmenden alle Erwartungen.

Der Regisseur Jürgen Weber wies darauf hin, dass der eigentliche Verdienst der filmischen Arbeit von 1995 die Dokumentation der Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sei. Diese Zeitdokumente, die bis in die 1990er Jahre auf elektromagnetischen Videobändern festgehalten wurden nun zu retten und ins digitale Zeitalter zu übertragen sei eine große Herausforderung für Filmschaffende und alle Akteure in der Gedenkarbeit. Er und seine Geschäftspartnerin Katrin Brüggemann von der Bildungsmarke didactmedia® hätten mit ihrer Reihe „Zeitgeschichtliche Dokumentar- und Kurzfilme“ für ihr filmisches Schaffen damit begonnen.

Die gekürzte Version des Dokumentarfilms gab vor allem durch Interviews mit Überlinger Zeitzeuginnen, mit dem Regionalhistoriker Oswald Burger und überlebenden Häftlingen einen Ein- und Überblick zum Dachauer KZ-Außenlager in Überlingen und dem Stollenbau für die Friedrichshafener Rüstungsindustrie.

Oswald Burger gab in der Diskussion auch Einblicke in über drei Jahrzehnte Gedenkarbeit zum KZ-Außenlager und der Überlinger Stollenanlage: Den Opfern, überwiegend Italienern, Namen an den Grabmalen zu geben und noch lebende ehemalige Häftlinge aufzufinden. Er berichtete wie er in den 1980er Jahren eine Gruppe slowenischer Häftlinge nach Überlingen einlud und diese nach und nach wieder absagten. Erst in den 1990er Jahren sei es für die Slowenen möglich gewesen an den Ort ihrer Qualen zurück zu kommen. Aufarbeitung und Versöhnung brauchen Zeit und Vertrauen.

Bei beiden Veranstaltungen standen jedoch die Erinnerungen von Dr. Grete Leutz im Mittelpunkt. Als junge Frau wurde sie fast täglich Zeugin des Zuges der KZ-Häftlinge vom Überlinger Lager zur Stollenanlage.

Dr. Grete Leutz sprach mit den Jugendlichen über ihre Angst, als ihre Mutter und zwei Nachbarinnen verbotene Schweizer Nachrichtensendungen am Radio gehört haben und ein Polizist an der Tür klingelte. Wenige Tage zuvor war ein Nachbar wegen des Hörens eines sogenannten Feindsenders verhaftet und deportiert worden. Sie öffnete dem Polizisten die Tür und versuchte ihre Mutter durch vorgetäuschte Hustenanfälle zu warnen. Die Geschichte sei gut ausgegangen, weil der Polizist wegen einer Befragung zu einer Flüchtlingsfamilie gekommen war und weiter nichts bemerkt habe. Frau Leutz konnte den Jugendlichen so etwas über die Angst und Kontrolle im Nationalsozialismus vermitteln. Es sei wichtig, dass die jungen Menschen heute wach bleiben und genau beobachten, was um sie herum passiert, so die Zeitzeugin.

Aufgrund der großen Nachfrage soll die Schulveranstaltung wahrscheinlich noch im laufenden Schuljahr wiederholt werden. Anfragen können Sie an petraquintini@gmail.com richten.

espresso-blog.eu für www.tv3.de

Share Button