Schulleiter Dieter Toder, Géza Witzel, Amelie Fichert, Karoline Bohner und Roswitha Bosch, TV3

Es gibt Schulen, die würden Erwachsene heute gerne besuchen, wenn sie noch einmal jung wären. Und es gibt Jugendliche, die eine solche Schule besuchen und die Zeit an dieser Schule genießen, obwohl sie auch Verpflichtung und Verantwortung in der Gemeinschaft mit sich bringt. Nach einem ausführlichen Gespräch mit drei Schülern der Evangelischen Schule am Bodensee – Schloss Gaienhofen, kommt Roswitha Bosch (TV3 Medienverlag) zur Überzeugung, dass Geza, Karoline und Amelie an einer solchen Schule lernen.

Wir sitzen im Büro des Schulleiters, Dieter Toder, im Schloss Gaienhofen – mit Blick auf die spiegelglatte Fläche des Bodensees. Das Schloss ist eine hochmittelalterliche Burg auf der Halbinsel Höri. Erbaut wurde es für den Konstanzer Bischof Gebhard III. von Zähringen (1085–1110) als Jagdschloss. Zahlreiche weitere Gebäude liegen auf dem Grundstück am Seeufer. Derzeit wird das Unterstufengebäude komplett umgebaut.

Die Lage am Ufer des Bodensees ist einmalig, fast unendlich sind die Möglichkeiten Sport zu treiben, an wahlweise vier staatlich anerkannten Schulformen „Allgemeinbildendes Gymnasium“, „Wirtschaftsgymnasium“, „Sozialwissenschaftliches Gymnasium“ und „Realschule“ werden die Absolventen auf das Berufsleben oder das Studium an einer Hochschule vorbereitet. Aber lassen wir die Jugendlichen selbst erzählen…

Jan-Geza Witzel, Radolfzell: „Ich habe die 5. und 6. Klasse des Friedrich-Hecker-Gymnasiums in Radolfzell besucht, mich aber dort nicht so richtig wohlgefühlt. Danach wechselte ich auf die Gemeinschaftsschule. Die unterschiedlichen Niveaustufen fand ich gut. Es wurden Arbeitsblätter ausgeteilt. Der Lehrer war zwar da, man musste aber eigenständig arbeiten, das war angenehm. Das hat sich aber dann ab der 7. Klasse geändert, weil die Eigenarbeit doch nicht so richtig funktioniert hat und wir hatten wieder Frontalunterricht. In der 9. wurde dann erneut das Selbstarbeiten eingeführt. Man musste zuerst die Blätter der Werkrealschüler erarbeiten, dann die der Realschüler und dann war das Schuljahr auch schon vorbei. Ich habe keinen Realschulabschluss gemacht, sondern nur ein Abgangszeugnis angestrebt.“

Schulleiter Dieter Toder, klinkt sich zur Terminologie beim Thema Gemeinschaftsschule ein: „Die Fachausdrücke sind Grundständiges Niveau (GN), Mittleres Niveau (MN) und Erweitertes Niveau (EN). Ich persönlich finde es interessant, dass ein Schüler aus der Gemeinschaftsschule, der dieses individualisierte Lernen sozusagen als Programm vor sich hat, dann zu uns kommt und sagt, das kann ich aber besser in Gaienhofen realisieren, obwohl wir formal ja getrennte Schularten haben, aber andere Mechanismen.“

Geza: „Jetzt bin ich seit September in der Eingangsklasse auf dem Wirtschaftsgymnasium und es gefällt mir sehr gut. Irgendetwas hat mich hierher gezogen, der See, die besondere Atmosphäre hier an der Schule. Lehrer und Schüler begegnen sich auf Augenhöhe, nicht wie an anderen Schulen! Die Themen werden nicht einfach durchgedrückt, sondern die Lehrkräfte achten darauf, dass jeder Schüler mitkommt! Die Einstellung: wer nicht mitkommt, hat eben Pech gehabt, die gibt es hier nicht. Und dann die vielen Angebote in den AGs. Ich bin in der Event-AG, unsere Schule organisiert viele eigene Veranstaltungen, man braucht Ton- und Lichttechnik, wir bereiten Schulfeste und Feierlichkeiten vor, das macht richtig Spaß. Beim Sportmodell können wir uns eintragen zum Segeln, Klettern, Volleyball und vielem mehr…Gaienhofen war meine eigene Entscheidung; bereits das Vorstellungsgespräch hat Sympathie erzeugt. Den Zehnt-Klässlern in der selben Situation würde ich den Rat geben, schaut euch an verschiedenen Schulen um und achtet auf die Atmosphäre, die könnt ihr an Schülern festmachen, die lächeln.

Ganz wunderbar finde ich das Gleichgewicht, zwischen ’unterstützt werden’ und ’in Ruhe gelassen werden’. Man holt sich den Schlüssel zur Bibliothek und kann sich dann mit einem Buch zurückziehen. Und ganz ganz wichtig: die Möglichkeit mit dem iPad zu arbeiten und zu lernen; der Unterricht fällt viel leichter, man kann mal schnell im Netz zum jeweiligen Thema etwas nachschlagen.“

TV3: Wie vor wenigen Tagen publik wurde, müssen Deutschlands Schüler und Lehrer erneut auf die Digitalisierung ihrer Schulen bis zum Sommer 2019 warten – obwohl der Digitalpakt bereits beschlossen wurde und zum 1. Januar 2019 starten sollte. Wie sieht es mit der Digitalisierung im Schloss Gaienhofen aus?

Dieter Toder: Bei uns hat die Digitalisierung schon vor vier Jahren begonnen; seitdem arbeitet jeder Schüler ab der 6. Klasse mit einem iPad. Auch der Schulleiter und die Lehrer freuen sich, mit einem leichten iPad in den Unterricht zu gehen… Früher schleppte der Studienrat immer eine schwere Ledertasche, das ist jetzt vorbei! Die technischen Voraussetzungen sind da… wir hatten vor zwei Jahren noch diese iPad-Wägen, die man in die Klasse reinschiebt und wieder mitnimmt…. heute hat jeder Schüler sein eigenes.

Ausblick Geza: „Ich habe noch 2,5 Jahre vor mir. Doch die gehen schnell vorbei. Ich freue mich darauf, dass ich viel Positives erlebe. Und ich möchte bei vielen AG’s dabei sein. Inzwischen kann ich mir vorstellen, später etwas in Richtung Wirtschaft zu machen. Während eines Praktikums bei Hügli in Radolfzell will ich mich in Richtung Marketing erkunden.“

Schulleiter Dieter Toder: „Wir machen das seit langem und nennen es Orientierung in der Arbeitswelt, kurz OIDA. Jetzt erst kommt das in den baden-württembergischen Bildungsplan. Wir vereinbaren Bildungspartnerschaften, z.B. auch mit Südstern-Bölle in Singen und Konstanz, sodass Praktikumsplätze für unsere Schüler garantiert sind.

TV3: Ist das hier an der Schlossschule in Gaienhofen anders geregelt mit dem Nachmittagsunterricht als beispielsweise an anderen Gymnasien?

Dieter Toder: Die Schüler der Unterstufe bekommen den Nachmittag von Elternseite aus für die Hausaufgabenbetreuung gebucht. Wir sind aber keine gebundene Ganztagsschule, die Schüler müssen nicht 3-4 Nachmittage da sein, sie können. Die Freiwilligkeit spielt da eine große Rolle.

In der Oberstufe ist es so, dass natürlich der Zeitdruck, was den Stundenplan angeht, dichter wird. Trotzdem haben wir noch genügend AG’s, die gut besucht sind, z.B. die Kantorei. Die Zuverlässigkeit ist für den Charakter der Schüler wichtig, das möchte ich Ihnen gegenüber noch loswerden, wir sehen uns mit unserer Schule in der reformpädagogischen Tradition, der alte Begriff „Gemeinschaft“ ist wichtig! Und Solidarität gibt es nur im Rahmen einer Gemeinschaft. Wenn man in der Gemeinschaft Verantwortung übernimmt, wenn ein Konzert ansteht, dann muss man eben da sein, dann muss man eben die weiße Bluse anziehen, da ist dann nix mit „lonely player“. Verantwortung zu übernehmen ist ein Lernen fürs Leben. Da gibt es natürlich vielleicht zu anderen Schulen schon einen Unterschied. In einer normalen Schule habe ich den Klassenverband. Wenn es gut funktioniert, fühle ich mich wohl, wenn nicht, dann ist es schwierig. Hier gibt es die Gruppe der Kantoristen, dann die Event-AG, immer wieder Neuzusammensetzungen und Gemeischaftsformen, in denen ich mich dann jeweils anders präsentiere.

Karoline Bohner, Iznang:

Ich absolvierte hier von der 5. bis zur 10. Klasse die Realschule. Nach dem Abschluss habe ich mich dazu entschlossen, mit G 9 weiter zu machen.

Dieter Toder: Das ist der klassische Weg, Mittlere Reife bei uns im Haus, dann weiter aufs Gymnasium. Im ersten Jahrgang waren es 20 Absolventen von 25, die sich für das Gymnasium entschieden hatten.

Karoline: Ich wollte unbedingt in der Nähe meines Heimatortes bleiben. Zwei Dinge waren mir wichtig: die Atmosphäre im Grünen und das eigene iPad! Meine Eltern waren sehr davon angetan, dass ich im Tagesinternat mit anderen zusammen lernen würde. Schon bei der Schulbesichtigung begeisterten mich die „offenen“ Lehrer, die nicht nur Sachinformationen von sich gaben! Ich wollte kein nerviges G8, sondern mehr Zeit, um mich mit G9 entspannt auf die Jahrgangsstufe vorzubereiten, es sind nur 13 Schüler in der Gruppe, das ist sehr angenehm. Ich habe mich für das Sozialwissenschaftliche Gymnasium entschieden. Denn ich will mir alle Wege offen lassen…

Ich wusste schon bei der Schulbesichtigung, was ich kriegen kann. Die Klassengemeinschaft ist hier wundervoll. Die Schlossschule wurde mein zweites Zuhause – man bekommt jede Unterstützung, die man braucht und wird mit seinen Problemen nicht allein gelassen. Meine AG ist die Kantorei.

Dieter Toder: Sie umfasst beinahe 100 Sänger/innen – eine ganz besondere Herausforderung ist es, sich geistliche Chorwerke zu erarbeiten; z.B. die Weihnachtspassion! Diese Erfahrung ist etwas Einmaliges, es braucht viel Zeit und Enthusiasmus. Manche Sachen brauchen entsprechende Verhaltensweisen! Ich möchte oder ich muss, das ist ein grundlegender Unterschied – und das Ergebnis ist der Lohn für die Arbeit in der Gemeinschaft.

Ausblick Karoline: Ursprünglich wollte ich Lehrerin werden… das ist noch nicht ganz vom Tisch – aber auch vielleicht etwas mit Kunst machen, wir haben einen tollen Kunstlehrer. Durch die AGs lernt man so vieles kennen, evtl. interessiere ich mich auch für Fotodesign. Mein Traum wäre es, später als Lehrerin an die Schule zurück zu kommen. Die drei Jahre will ich jetzt noch genießen, denn sie sind ein wichtiger Lebensabschnitt…


Amelie Fichert
, Radolfzell:

Unsere Familie ist an den Bodensee umgezogen, ich war dann am Gymnasium in Radolfzell. NRW liegt im Bildungsvergleich immer ziemlich weit hinten. Als ich nun das Bundesland gewechselt habe, hatte ich das Gefühl, dass ich automatisch als „schlechtere“ Schülerin eingeschätzt wurde. Aber das stimmt nicht – wenn die Atmosphäre stimmt, kann man überall ein gutes Abitur ablegen.

Ich habe mich in Radolfzell nicht sehr wohl gefühlt. Im Tanzkurs lernte ich Schüler kennen, die nach Gaienhofen gewechselt sind. Weil ich manchmal nicht in die Schule gegangen bin, haben meine Eltern schon gemerkt, was los ist… und haben dem Wechsel zugestimmt. Ich habe mich dann für das Sozialwissenschaftliche Gymnasium beworben – für mich war es die Hauptsache hierher zu kommen, die Probestunde war toll!! Seitdem bin ich hier, ich mache jetzt G8. Ich habe Gemeinschaft gesucht und gefunden, hier ist es wie eine große Familie.

Auch das Essen schmeckt hervorragend, alles ist frisch. Es gibt eine Salatbar, man wählt jeden Tag unter drei verschiedenen Gerichten. In der Eingangsklasse, die ich seit September besuche, versucht man alle auf einen Stand zu bringen, das finde ich gut! Ich habe zwar viermal nachmittags Schule, aber das ist nicht schlimm, weil ich mich so wohlfühle! Ich kann hier Klavier üben, ich spiele seit zehn Jahren.

Dieter Toder: Im Altbau gab es sogenannte Musikboxen, kleine schallisolierte Kammern – einige davon sollen im Neubau erhalten bleiben; das ist jetzt eine richtige bauliche Herausforderung! Auch ein Trompeter kann dort üben, vielleicht mit einem Dämpfer…

Ausblick Amelie: Ich bin sehr naturwissenschaftlich interessiert, möglicherweise gehe ich in die Forschung. Schade, dass ich Biologie und Chemie nicht in einer Jahrgangsstufe gleichzeitig belegen kann… Psychologie eröffnet mir die Welt! Ich habe auch an Journalismus gedacht.

TV3: Was bringt euch das iPad? Ist es nur eine bessere Schreibmaschine?

Geza, Karoline und Amelie einstimmig: NEIN! Auf das iPad können Schulbücher herunter geladen werden, es gibt Apps für die Arbeitsblätter, damit machen wir die Hausaufgaben, es ist super geeignet für die Motivationsarbeit und es ist unser eigenes. Wir arbeiten auch oft zusammen mit dem iPad – man hat so viele Möglichkeiten. Wir lieben es, weil es cool ist!!

Text: Roswitha Bosch, TV3 Medienverlag, 78224 Singen
Fotos: © Patrick Bosch

www.schloss-gaienhofen.de

 

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