SPANIEN/Baskenland: Tamborrada in San Sebastián
18.01.2010

SPANIEN/Baskenland: Tamborrada in San Sebastián

San Sebastián ist die Hauptstadt der Provinz Gipuzkoa (span. Guipúzcoa) in der spanischen Autonomen Gemeinschaft Baskenland. Sie liegt ca. 20 km westlich der französischen Grenze im Bogen des Golfs von Biskaya an der Bucht La Concha, der Muschelbucht, die wegen ihrer Form so genannt wird.

Jedes Jahr am 20. Januar wird zu Ehren des Namenspatrons der Stadt, des Heiligen Sebastian, die Tamborrada gefeiert, ein Fest mit historischen Wurzeln. Wenn um Mitternacht auf der Plaza de Constitución die Fahne gehißt wird und der letzte Glockenschlag verklingt, gibt der Tambourmajor das Zeichen. Dann ziehen Trommler und Musiker 24 Stunden lang kreuz und quer durch die Stadt.

Die Geburtsstunde der Tamborrada reicht bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts zurück. Im Unabhängigkeitskrieg (1808-1812) besetzte Napoleon San Sebastián. Es existieren mehrere Versionen der Ursprungsgeschichte. Die umfassendste verdeutlicht, warum ausgerechnet Trommeln und Fässer im Mittelpunkt des Festes stehen. Damals wurde das Trinkwasser von den "Aguadoras", den Wasserträgerinnen, aus den Brunnen der Stadt in Holzfässer geschöpft und dann gegen Entgelt in die Haushalte und Garküchen gebracht.

Das siegreiche napoleonische Heer defilierte sehr zum Unwillen der Bevölkerung durch die Straßen der Stadt, angeführt von Trommlern und Pfeifern. Die "Aguadoras" beantworteten den Vorbeimarsch der ungeliebten Besatzer auf ihre Weise und ließen die Fässer, die sie soeben zu füllen begonnen hatten, in die Reihen der Militärparade rollen. Sie sprangen hoch auf, überschlugen sich und rissen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellte – in Panik sollen die französischen Soldaten in alle Richtungen davon gerannt sein.

Getreu dem historischen Beispiel gibt es heute bei der "Tamborrada", dem Trommelumzug der Erwachsenen, zwei Gruppen: die Trommler in napoleonischen Militäruniformen, die dem Original von damals nachempfunden sind, und die Köche und Wasserträgerinnen mit ihren Fässern. In früheren Jahren waren die Trommler ausschließlich Männer, auch heute noch gibt es Formationen, die den alten Statuten getreu nur männliche Mitglieder erlauben. Inzwischen bereichern jedoch 4000 weibliche Trommlerinnen das Bild.

Zu jedem Trommelzug gehört eine Musikkapelle, es gibt eigens komponierte Hymnen, wie den Marsch von San Sebastián von
Raimundo Sarriegui, aber auch vieler anderer Komponisten der baskischen Region. Die Anzahl der einzelnen Gruppen steigt ständig. 1957 waren es nur zehn "tamborradas", 1967 schon 54 und heute sind es mehr als einhundert Trommelzüge, die sich auf die sieben Stadtviertel verteilen.

Das Festprogramm bietet für jeden etwas. Es werden Auszeichnungen an verdiente Bürger der Stadt sowie der Tambor de Oro (Goldene Trommel) verliehen. Die Kinder veranstalten ihren eigenen Trommelumzug, den tamborrada-txiki, mehr als 500 Schüler nehmen daran teil.

Aus Küche und Keller kommt an diesem Festtag nur das Beste auf den Tisch: frischer Hummer, Glasaale, Meeresfrüchte aller Art und die beliebten Pintxos (eine Variante der spanischen Tapas). Dazu trinken die Basken am liebsten Sidra, der deutlich herber ist, als unser Apfelwein. Die Sidra-Saison dauert von Januar bis Ostern – frisch aus dem Fass schmeckt er am besten. (ro)






Bild 1: Ein kleiner Trommler auf dem Weg zum großen Fest
Foto: E. Carton - CC2.0


Bild 2: Die alljährlich
in San Sebastián statt findende "tamborrada infantil", der Trommelumzug der Kinder
Fotografin: Estitxu Carton, CC2.0

Bild 3: San Sebastián liegt an der traumhaften Bucht La Concha - in der Bildmitte die kleine Klosterinsel Santa Clara
Fotografin: Ilkka Harmanen, CC2.0

Bild 4: Wie im Märchen: Blick auf das nächtlich erleuchtete San Sebastián vom Monte Urgull aus
Fotograf: Phillip Maiwald, GNU Free Dokumentation License