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17.09.2011
(hr). Der baumlange Kerl mit den tiefen Furchen im Gesicht wohnt heute in Hamburg auf einem Hausboot. Er scheint weitgehend zufrieden mit sich und seiner Welt, steht wieder regelmäßig auf der Bühne, wird auf Talkshows geladen und hält sich Eskapaden vom Leib, die ihn früher immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen gebracht hatten.
Gunter Gabriel ist bekannt als Country- und Schlagersänger, aber auch als Komponist, Texter und Produzent. Der nunmehr 69-jährige gebürtige Westfale musste schon früh den Tod seiner Mutter verkraften. Das Verhältnis zu seinem bisweilen rabiaten Vater war nicht eben von Harmonie geprägt. Der jugendliche Gunter brach die Schule ab, tourte durch halb Europa und schlug sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durchs Leben.
Dann aber stemmte er doch noch sein Fachabitur und studierte Maschinenbau. Allerdings reichte es nicht zu einem Abschluss. Gunter Gabriel fühlte sich zur Musik hingezogen, legte in irgendwelchen Kaschemmen erstmal die neuesten Scheiben auf und stieg schließlich bei einer Plattenfirma ein. So kam er in Kontakt zu Stars und Sternchen, vorwiegend aus der Schlagerbranche. Er machte selber Musik, schrieb aber auch Texte für andere, zum Beispiel für Rex Gildo.

An Gabriels ersten eigenen Hit können sich die Älteren sicher noch erinnern: Er ist ein Kerl. Eine Art Fernfahrersong: „Er fährt ’nen 30-Tonner Diesel“. Ruckzuck kam er damit nach oben und galt im deutschsprachigen Schlagerbereich fortan als ganz eigene Marke. Seinen größten Hit aber landete er mit dem Song: Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld. Immer wieder schrieb er aber auch Texte für KollegInnen wie Juliane Werding, Frank Zander oder Wencke Myhre. Gunter Gabriel war gut im Geschäft und bekam sogar eine eigene Fernsehshow beim Bayrischen Rundfunk: „Country-Musik mit Gunter Gabriel.“
Sein Hey Boss-Hit brachte ihm in der Tat viel Geld. Das aber jagte Gabriel auch schnell wieder durch den Kamin. Dubiose Anlageberater schwätzten ihm in den achtziger Jahren ein Bauherrenmodell auf, mit dem man angeblich Steuern sparen könne. Am Schluß stand der Sänger mit abgesägten Hosen da und hatte sein ganzes Vermögen verjubelt. Von mehreren Millionen Mark war die Rede. Gunter Gabriel war vollends pleite und stürzte ab, und zwar richtig.

Gescheiterte Ehen, davon vier an der Zahl, peinliche Exzesse im Suff, Prügeleien – der Mann ließ nichts aus. In einem Interview für das ZEITmagazin gab er vor wenigen Monaten offen zu, wie tief unten er war: „Ich musste meine damalige Frau jeden Tag um fünf Mark anbetteln. Das war eine solche Demütigung (...) Ich habe damals alles gesoffen, was ich in die Finger bekam. Fernet Branca, die 3-Liter-Flasche Retsina. Nur um schlafen zu können. Die Folge waren Depressionen“. Fast ein Jahrzehnt lang war Gabriel eher mit sich beschäftigt und viele hatten ihn zu dieser Zeit längst abgeschrieben.
Doch der Bär von einem Mann stand wieder auf. 1989 ein kleines Comeback mit dem Album Dieselknechte. Dann, 1993, erhielt er mit seinem Kollegen Tom Astor für das Lied Sturm und Drang den Award der „German American Country Music Federation“, der ihm 2002 ein zweites Mal für Gunterwegs verliehen wurde.
Leider aber stieg ihm der Erfolg neuerdings zu Kopf und im Alkoholdelirium stellten sich alte Muster ein. Gabriel faselte dummes Zeug über Arbeitslose und glaubte erneut, private Konflikte mit den Fäusten regeln zu können. Wieder folgte eine längere Schaffenspause.
Seit einigen Jahren ist der emotionale Achterbahnfahrer nun doch etwas ruhiger geworden. Und wie es mit dem Wein ist, so greift auch bei Gunter Gabriel eine vergleichbare Erkenntnis: Je älter, desto besser. Nachzuhören auf dem 2009 erschienenem Album Sohn aus dem Volk, das weitgehend dem legendären Johnny Cash gewidmet ist und mit dem er gut befreundet war.
Ob er gelernt habe aus seinen Wellentälern, wurde er unlängst gefragt. „Ja, sehr viel. Deswegen finde ich auch Abstürze viel interessanter, als immer oben auf dem Berg rumzukrabbeln.“ Jetzt ist er wieder halbwegs oben und es bleibt zu hoffen, dass ihm der Sinn nach „interessanten“ Abstürzen doch irgendwann nachhaltig vergeht. Seine im letzten Jahr erschienene und durchaus passable Autobiografie: Wer einmal tief im Keller saß – Erinnerungen eines Rebellen sollte ihm eine tägliche Lehre sein.
Aus dieser Autobiografie wird er lesen:
Mittwoch, 21.09.2011, ab 20.30 Uhr
WO? im Il Boccone in Konstanz Bodanstraße 20-26 Tel. +49 (0) 7531-284 6744
Fotos: © Warner Music Group
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