TV3-TITELSTORY: Immer diese Luftballons
18.07.2011

TV3-TITELSTORY: Immer diese Luftballons

(hr). Gabriele Susanne Kerner, geboren 1960 in Hagen, kann mit Fug und Recht behaupten, in der Abteilung Luftballons eine Art von Weltrekord zu halten. Nach Augenzeugenberichten hat sie 1983 mit tatkräftiger Unter-stützung einiger Freunde und Kollegen 99 Luftballons aufgeblasen, die bis zum heutigen Tag ihre Form gehalten  haben. Das ist einzigartig, denn die Dinger verlieren in der Regel sehr schnell an Luft und sehen dann eher traurig aus.

Sie rätseln, um wen es sich da handeln mag? Richtig, besser bekannt ist die Dame als Nena. Angeblich wurde sie von den Einheimischen so genannt, als sie einst als junges Gör mit ihren Eltern einen Urlaub in Spanien verbrachte. Bei diesem Namen blieb es und als Nena ist Frau Kerner in der Abteilung der rockigen Töne längst ein fester Begriff. Schon früh hatte sie eine Musik-karriere im Blick, absolvierte aber auf Drängen ihrer Eltern erst Mal eine Ausbildung als Goldschmiedin.



Doch dann lockte hartnäckig die Bühne und Nena stieg als Sängerin bei der Band The Stripes ein. Eine erste Single erschien 1979, ein Jahr später eine LP. Ganz nett, was da zu hören ist, aber Erfolg sieht anders aus. Die Kombo
trennte sich 1981. Bis dahin hatte Nena in ihrer Heimatstadt Hagen gelebt. Ihrer musikalischen Weiterent-wicklung war es sicher dienlich, dass sie vom Plattenlabel CBS Records eine Einladung nach Berlin-West bekam. Die „Neue Deutsche Welle“ (NDW) boomte zu jener Zeit und Nena wurde ein Teil von ihr.

Sie gründete mit bekannten Musikern die Gruppe Nena und schon im Mai 1982 kam die Single Nur geträumt auf den Markt. Ein flotter Ohrwurm, aber erst nach einem Auftritt in der Sendung „Musikladen“ putschte die Nummer derart, dass man durchaus von Erfolg sprechen konnte. Kaum ein halbes Jahr später erschien die zweite Single 99 Luftballons. Das Antikriegslied wurde weltweit zum Hit und verkaufte sich millionenfach. Schlag auf Schlag folgten weitere erfolgreiche Scheiben und Nena geriet zum  NDW-Frolleinwunder schlechthin. Die Band blieb bis 1987 zusammen, dann trennte sie sich.



Die Sängerin startete daraufhin eine Solokarriere. Ansprechende Scheiben folgten: Wunder gescheh’n oder Du bist überall. Doch der Nena-Boom, der quasi über Nacht ausgebrochen war, flaute merklich ab. Ein persönlicher Schicksalsschlag kam hinzu: 1989 starb ihr Sohn, der behindert zur Welt gekommen ist, kurz nach der Geburt. Diesen Seelenschmerz verarbeitete Nena mit der Herausgabe diverser Kinderalben – Komm lieber Mai (1990) oder Unser Apfelhaus (1995). Zudem moderierte sie das Fernsehmagazin „Metro“ und den „Countdown Grand Prix“. Ganz weg vom Fenster war sie in den neunziger Jahren nie, aber das erträumte große Comeback sollte noch etwas auf sich warten lassen.

2001 dann hatte Nena einen bemerkenswerten Auftritt auf der von Udo Lindenberg organisierten Veranstaltung „Rock gegen Rechts“ in Berlin. Ein Jahr später spielte sie neue Versionen ihrer alten Hits ein und erzielte damit sehr hohe Verkaufszahlen. 2003 trat sie mit Kim Wilde im Duett auf und die beiden lieferten mit Anyplace, Anywhere, Anytime ein schönes Remake von Nenas früherem Hit Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Der Titel kam an, kletterte in Deutschland in die Spitze der Charts und erreichte in Österreich und den Niederlanden sogar Platz eins. Das so lange erhoffte musikalische Comeback war geschafft.



Im Oktober 2005 stellte Nena auf der Frankfurter Buchmesse ihre Autobiografie Willst du mit mir gehen vor. Das Buch verkaufte sich erstaunlich gut und kam bis auf Platz drei der deutschen Bestsellerliste. Eine gleichnamige Tournee führte zu meist gut besuchten Konzerten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für ihr Album Made in Germany erhielt sie 2009 die „Goldene Schallplatte“. Erst kürzlich wurde sie bei der Jubelfeier des neuen Fußballmeisters Borussia Dortmund von fast 200 000 Fans vor der Westfalenhalle freundlichst begrüßt. Mit mehr als 20 Millionen verkaufter Tonträger zählt sie zu den erfolgreichsten Interpreten hierzulande.

Was aber immer öfter irritiert, sind Nenas Äußerungen über ihre spirituelle Befindlichkeit. Noch nicht lange ist es her, da ließ sie verlauten, dass sie eine Anhängerin des verstorbenen Psychogurus Osho sei, der einst die Bhagwan-Sekte gegründet hatte. „In seinen Büchern finde ich mich wieder“, erklärte die Sängerin mehrmals. Die Esoterikszene scheint es ihr angetan zu haben, denn auch von der Sekte der „Damanhurianer“ im italienischen Piemont ist sie fasziniert. Hier scheint Naivität die Triebfeder zu sein.

Ebenso bei einem Auftritt 2009 anlässlich der 100-jährigen Betriebsfeier des Unternehmens MTU/Tognum in Friedrichshafen, das auch mit Massenver-nichtungswaffen weltweit lukrative Geschäfte macht. Das war fast schon pervers: Nena intonierte ihren Kultsong  99 Luftballons – und um die Ecke stand ein Leopard Panzer. Ein Konzert, das Stars wie Grönemeyer und viele andere an dieser Stelle niemals gegeben hätten. Und das ist auch gut so.


Summer Stage Basel 2011
NENA & BAND
Samstag, 20.08.2011, 19.30 Uhr
Freie Platzwahl
St. Margarethenpark 10, Basel
Bestell-Hotline 01805-570070
Mo-Fr 8-22 Uhr, Sa 9-18 Uhr,
So 10-18 Uhr


Foto 1: © Esther Haase
Foto 2: © New Press Picture 6
die anderen Bilder mit freundlicher
Genehmigung von Act Entertainment