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02.10.2008
…nicht einmal auf den Deutschen Wetterdienst in Offenbach ist Verlass. Wo bleibt die vielgerühmte Kompetenz unserer nationalen Wetterfrösche, wenn ihre Progosen nicht mal halbwegs eintreffen? Ende Mai morgens um vier war es, ich erinnere mich genau, da versprach der Mann auf den Online-Seiten einer großen Tageszeitung „warme Monate“! Ich war gerade von einem Geburtstagsfest nach Hause gekommen, das wir zitternd vor Kälte, anstatt im frühsommerlichen Garten, in einem ungeheizten Kellerraum gefeiert haben, denn draußen schüttete es wie aus Eimern. Statt Sommerbowle gab es heißen Punsch mit Eierlikör! „Warme Monate“, das klang wie ein herrliches Versprechen auf eine wunderschöne Zeit, mit allem was einen Sommer erst zum Sommer macht. Aber man darf diesen angeblichen Wetterkoryphäen einfach nichts glauben, denn dieser Sommer war weit entfernt von einem Jahrhundertsommer. Zaghaft und verschüchtert wagte er sich immer nur für wenige Tage hervor, um uns ein paar wärmende Sonnenstrahlen zu schicken. Kaum hatten wir bemerkt, dass aus diesen halbwegs netten Tagen vielleicht doch irgendwann ein ganz passabler Sommer hätte werden können, fing es an zu regnen, die Temperaturen fielen in den Keller und die Sonne blieb mindestens eine Woche lang hinter dicken grauen Wolken verschwunden. Der Sommer hielt uns zum Narren, vielleicht bin ich deshalb so sauer, wenn sich die Bäume jetzt schon unwiderruflich gelb färben. Den Rest an guter Laune haben mir soeben die seltsamen Ratschläge einer Esoterik-Seite verdorben, die allen Ernstes vorschlägt, man müsse die Lehre der Fünf Elemente auf den Herbst anwenden, der dem Metall zugeordnet sei. Der Funktionskreis des Metalls sei die Lunge, und Lungentypen gehören angeblich zu den „Sensibelchen“. Aber es kommt noch besser: eine Störung im Metall lasse auf eine pessimistische Lebenseinstellung schließen. Wer oft seufze – das steht da wirklich so – solle der Energielosigkeit mit deftig gewürzten Speisen entgegen wirken! Na dann, was tut man nicht alles, damit der Abschied vom Sommer leichter fällt. Ab morgen kommen Pepperoni, Chilipulver und weißer Pfeffer aufs Butterbrot. Aber ich fürchte, das wird nichts helfen, denn mein Herbst-Blues ist dieses Jahr wirklich heftig. Ich werde ständig von Gedanken gepeinigt, die mit dem Halbsatz „man hätte öfter…“ beginnen. Man hätte öfter in den Biergarten gehen, in Vollmondnächten nackt im See baden, auf dem Balkon unterm Sternenhimmel schlafen, einen großen Erdbeerbecher mit Sahne verdrücken, beim Barfußlaufen taufeuchtes Gras zwischen den Zehen spüren und mit dem besten Freund Hand in Hand durch den Park bummeln sollen. So viele verpasste Sommerfreuden! Ein ganz klein wenig tröstet es mich, dass auch andere, lange vor mir, im Herbst eine ähnliche Melancholie gespürt haben. Mir fällt gerade die zweite Strophe eines wunderschönen Gedichts ein: Weh mir, wo nehm´ ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein, Und Schatten der Erde? Die Mauern stehn Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen.* Wie gut, dass der Sommer wieder kommt und mit ihm all das Schöne der warmen Jahreszeit. Ich jedenfalls, werde ihn in vollen Zügen genießen – zumindest will ich es versuchen…
Ihre Roswitha Bosch
* Friedrich Hölderlin, Hälfte des Lebens, 1798
Foto1: GNU Fir0002
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