![]() |
22.11.2009
Liebe Leser... verliebt ins eigene Spiegelbild...es wird wohl wieder ein paar Monate dauern, bis die Kinder draußen herum tollen und Abzählreime aufsagen. Diese kleinen Reime sind teilweise sehr alt, manche haben die Funktion eines Tabubruchs, der im Spiel jedoch nicht „krumm" genommen wird. Ein beliebter Abzählreim ist dieser: Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, der bist du! Während das Ich ungeschoren davonkommt, wird das Gegenüber als Esel, d.h. als dumm und einfältig bezeichnet. Kinder lachen darüber, sie haben noch kein Problem damit. Interessant ist nicht die Abwertung des anderen, sondern die Schonung und damit die Besserstellung des eigenen Ichs. Wer sein ICH in den Vordergrund rückt, fühlt sich dem anderen überlegen oder tut zumindest so, als ob er der Überflieger wäre. Möglicherweise fehlt es ihm aber an gesundem Selbstwertgefühl. Er benutzt seine Mitmenschen als Gegenüber, in denen er sich spiegeln kann. Sind die Rückmeldungen angenehm, empfindet er sein Spiegelbild als positiv und sein Selbstwertgefühl wächst. Eines ist längst bewiesen: Ganz auf sich allein gestellt, verkümmert der Mensch. Er lernt es nicht, zu sprechen, sein soziales Verhalten ist gestört. Längst hat man herausgefunden, dass dies der Hauptgrund ist, warum der Mensch als Einzelwesen nicht existieren kann. Er braucht seine Mitmenschen, um die eigene Identität heraus zu bilden.
Das wäre natürlich das Ideale, immer genau von jenem Ich dominiert zu werden, das starke Impulse gibt, wenn wir uns - aus welchen Gründen auch immer - wegducken wollen. Nur, das kann nicht funktionieren, denn das Ich ist auch an das angeborene Temperament gekoppelt und das lässt sich am allerwenigsten beeinflussen! Die extremste Ausprägung ich-bezogener Menschen sind die Egoisten, die nach dem Motto leben: Zuerst komme ich und dann kommt lange nichts! Mit einem solchen Kotzbrocken, der über Leichen geht, um seine Bedürfnisse zu erfüllen, wird die Beziehung zum Alptraum - und irgendwann kollabiert das System! Sind Politiker Egoisten? Das Gesellschaftsmagazin Dummy hat die Regierungserklärungen aller bisherigen Bundeskanzler auf die Häufigkeit des kleinen Wörtchens „ich" hin untersucht. Und siehe da, Angela Merkel führte 2005 die Tabelle mit 154mal ICH an, bei Kurt Georg Kiesinger fanden sich 1966 nur fünf ICHs und der Basta-Kanzler Gerhard Schröder mit seinem potenten Ich-Gefühl benutzte 1998 die drei verräterischen Buchstaben 49 mal... Ihre Roswitha Bosch
Bild 1: Michelangelo Caravaggio: Narziss |

Aber besteht nicht jeder Mensch aus vielen verschiedenen Ichs, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassen? Die sich gegenseitig bekriegen oder sich verbünden gegen die Außenwelt, sich austauschen, indem sie die unterschiedlichen Erfahrungen bündeln, die sie während verschiedener Lebensphasen gemacht haben? Eines unserer Ichs ist vielleicht voller Zukunftsangst, da nimmt das andere draufgängerische Ich das verzagte an der Hand und gibt ihm die Zuversicht, die es gerade braucht.






.jpg)





