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26.04.2009
…Ostersamstag war’s. Tausende wollten bei herrlichem Sonnenschein und blauem Himmel an den See und verstopften schon um zwölf Uhr mittags den autobahnähnlichen Streckenabschnitt von der Abzweigung Allensbach bis zur Alten Rheinbrücke in Konstanz. Es ging nur noch im Schritttempo voran. Nicht, dass mich das jetzt sonderlich aufregen würde; wenn man in Bodenseenähe wohnt, weiß man, was einen verkehrsmässig an neuralgischen Tagen an den neuralgischen Punkten erwartet – alles, nur keine freie Fahrt!
Nein, mir ging da etwas ganz anderes im Kopf herum. Ich begann plötzlich das aufstrebende Mittelzentrum Radolfzell mit der Touristen- und Universitätsstadt Konstanz zu vergleichen. Letztere ist gerade im Begriff, so wirkt es jedenfalls auf Außenstehende, die einzige freie Grünfläche am See freiwillig hinzugeben für ein Konzert- und Tagungshaus, das sicher erstrebenswert ist, aber keinesfalls am Standort Klein-Venedig. Bringt man als Außenstehender das Thema auf den Tisch, scheint so gut wie niemand prinzipiell gegen den Bau zu sein. Fällt jedoch das Wörtchen "Klein-Venedig" erntet man filmreife Seufzer, einige verdrehen die Augen, andere schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und einer ereifert sich, "... so eine Schnapsidee kann nur aus dem Rathaus kommen!" Viel lieber wäre den Konstanzern an dieser Stelle zusätzliches Grün – "ein hübscher kleiner Park am See, darüber sollen die im Rathaus mal nachdenken", meint eine junge Frau, "für große Hallen sind die Zeiten doch längst vorbei."
Die kleine Stadt Radolfzell erkennt die einmalige historische Chance, eine Vision zur Stadtentwicklung beherzt in die Tat umzusetzen. Die Stadt des Hl. Ratoldus nutzt die einmalige Möglichkeit, die sich durch die Flächenfreigabe der Bahn ergibt, die Stadtmitte unmittelbar zum See zu öffnen.
Hut ab vor Dir, Radolfzell! Du hast dein Stück Bodensee bisher zwischen alter Güterhalle, hohen Bäumen und Bahnhof samt Gleisanlagen verstecken müssen, weil 1863 durch den Bau der Bahnhlinie ausgerechnet das Sahnestück deines Uferstreifens auf unsensibelste Art und Weise verschandelt wurde. Und jetzt, nach fast 150 Jahren, bügelst du die schlimmsten Sünden wieder aus!
Vor Jahren erzählte ich einem Konstanzer voller Freude, dass ich eine Wohnung in Radolfzell gefunden hatte. Anstatt sich mitzufreuen, sagte der Fiesling nur einen hämischen Satz: „Ah, schön – dann ziehst du also nach Radolfzell am Bahnhof…?!“ Ich war sauer, das muss ich schon sagen, aber komischerweise fällt mir das genau jetzt wieder ein. Vor kurzem hat ein Konstanzer Architekt dem Südkurier gegenüber seine Vision zur Stadtentwicklung auf einen Nenner gebracht: „Konstanz – Stadt am See“. Zugegeben: „Radolfzell – Stadt am Bahnhof“ klingt nur halb so attraktiv!
Aber, es sieht ganz danach aus, als ob die Radolfzeller ihre "Stadt am See" bekommen sollten während Konstanz sein letztes Seegrundstück vergeigt, noch dazu mit der freiwillig eingegangenen Option des ständig von einer Blechlawine heimgesuchten Stadtteils Stadelhofen und einer Luft, die von Autoabgasen verpestet ist. Na vielleicht gibt das Bürgermeisteramt dann wenigstens kostenlos Gasmasken für die geplagten Konstanzer aus!
Radolfzell jedenfalls will keine Hinweisschilder „Zum See“ mehr aufstellen müssen – jeder wird künftig sehen können, wo sich der See befindet; denn die Gleisanlagen werden zurückgebaut, Teile des Bahnhofs nach Osten verlegt, die Szenerie geöffnet, um einen visuellen Seebezug schon vom Marktplatz aus herzustellen. Ein Förderbetrag von 2 Mio. Euro ist vom Land bereits zugesagt, die urbane Identität „Stadt am See“ soll gestärkt werden. Hoppla, war das nicht wortwörtlich der Begriff, den der Konstanzer Architekt sich für Konstanz erträumte?
Nun, wir Singemer, die wir außen vor sind und mit unserer Sehnsucht nach See bloß eure Straßen verstopfen, werden ganz genau hinschauen, wer sich für den Edel-Zusatz „am See“ in naher Zukunft mehr einfallen lässt, das große Konstanz oder das kleine Radolfzell?
Ihre Roswitha Bosch
Foto: Bernd Klein, www.bodenseo.de |