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07.01.2009
…das neue Jahr fängt schon gut an. Deutschland bibbert vor Kälte, titelt ein Online-Journal, in Leipzig herrschten vergangene Nacht Minus 26 Grad, es gab bereits ein Kälte-Todesopfer. Die Bewohnerin eines Senorienheims ist, nur mit einer Strickjacke bekleidet, in einer Gartensiedlung erfroren.
Der Wetterbericht bringt weiterhin winterliche Kälte und gerade jetzt fällt der Druck in den Gasleitungen ab. Der russische Monopolist Gazprom beschuldigt die Ukraine illegal Gas abzuzapfen – und reduziert der Einfachheit halber die Gaslieferungen an die EU-Länder, die Türkei und Mazedonien – nettes Nachbarschaftsgebaren; denn alle diese Länder haben keine offenen Rechnungen mit Russland.
Nein, das Jahr fängt gar nicht gut an. Dazu diese ewigen Milliarden-Versprechungen, die im Grunde nur Kosmetik sind und ein verfrühter Wahlkampfpoker um die besten Plätze an den Futtertrögen der Macht. In den Milliardensegen werden, wenn überhaupt, nur die Großunternehmen kommen, die Mehrzahl der Menschen, jene am unteren Rand der Gesellschaft, die Kleinunternehmer und der Mittelstand werden bestenfalls mit Krümeln vom großen Kuchen abgespeist.
Trübe Gedanken, an einem trüben Tag. Die Sonne versteckt sich hinter einem dicken Grau, nachts muss es geschneit haben, denn mein Auto ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die festgefroren ist. Mir bleibt auch nichts erspart. Also beginne ich missmutig mein Fahrzeug mit einem kleinen grünen Plastikkratzer zu bearbeiten. Wie angewurzelt bleibe ich stehen. Mitten auf meine Heckscheibe hat jemand mit zwei Fingern ein großes Herz in den Schnee gemalt. Meine miese Laune ist wie weggeblasen, ein Lächeln stiehlt sich in meine Mundwinkel. Ist dieses Herz die nette Geste eines Bekannten, einer Freundin? Oder hat ein verliebtes Paar meine Heckscheibe als eine Art Baumstamm benutzt und das Herz als Liebeserklärung dort hinein "geschnitzt"?
Im ersten Moment tendiere ich dazu, das vergängliche Kunstwerk unberührt zu lassen – aber der Fahrtwind würde es schon nach wenigen Metern zerstören. Also mache ich ein Foto – das Herz in den Schnee geritzt, verdient es, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Als ich das Bild dann später nachbearbeite, beginnt der stumpfgraue Schnee zu leuchten, das Schneeherz schimmert in einem milden Licht (oder kommt mir das nur so vor?), während da draußen die Zeichen auf Sturm stehen.
Ein Herz im kalten Schnee – irgendwie rätselhaft. Mir fällt Herbert Grönemeyer ein. Welches Rezept hat er in MORGENROT für eine Zeit parat, "wenn dir’s Wasser bis zum Halse steht"? Er singt: "Werd’ in zerrütteten Zeiten dir ein Netz ausbreiten, stell’ mich mit in den Sturm bis der Wind dreht... " Für solche Texte liebt ihn sein Publikum...
Aber, die Frage steht im Raum: Wie gestaltet sich das Miteinander, wenn draußen der Sturm der Rezession tobt? Wer wird dir das Netz ausbreiten, wird es dicht genug gewebt sein, wird es halten? Gibt es mehr Menschlichkeit, Verantwortung, gar ein Zusammenrücken in den kalten Zeiten der Krise? Schön wär’s – aber es steht zu befürchten, dass Herbert und ich nichts weiter als unverbesserliche Idealisten sind und meilenweit von der Realität entfernt…
Ihre Roswitha Bosch |