 |
17.12.2008
…immer diese Sprüche zu Weihnachten, als ob wir nicht schon genug Probleme hätten! Sogar mein Lieblingssender hat am 3. Adventssonntag nichts Besseres auf Lager, als ein altes chinesisches Sprichwort, das er mir ausgerechnet in dem Moment zitiert, als die Ampel von Gelb auf Rot umspringt und ich, völlig verunsichert, im Begriff bin verbotenerweise durchzuflitzen. Beinahe hätte mich diese Aktion wieder zwei Punkte in Flensburg gekostet; denn ich überfahre natürlich nur solche Ampeln, die mit einer Kamera ausgestattet sind – man gönnt sich ja sonst nichts. Ich lege also eine Vollbremsung hin, die sich gewaschen hat, glücklicherweise befindet sich kein anderes Auto hinter mir.
Der Sprecher mit der adventlich-sympathischen Stimme rät seinen Hörern, über diesen Satz nachzudenken, in der Zwischenzeit werde er uns vom Schneechaos in Tirol erzählen. Dummerweise kommt die Leitung ins Chaosgebiet nicht zustande, was ihn zu der Äußerung veranlasst, "da sehen sie mal, wie spannend es beim Radio zugeht."
Weil es sich mit der Spannung aber in Grenzen hielt, dachte ich etwas länger über die alten Chinesen und ihre Art der Lebensbewältigung nach, denn der Spruch wollte mir nicht mehr aus dem Kopf: „Die Weisheit des Lebens besteht darin, Unwesentliches zu ignorieren.“
Hört sich logisch und nervenschonend an, aber wer kann mit letzter Sicherheit sagen, was wesentlich und was unwesentlich ist? Bekanntlich sind sich große Philosopen wegen einer Antwort auf diese Frage in die Haare geraten. Es kommt wohl immer auf den Standpunkt an. Irgendwie kam mir dann dummerweise unsere Kanzlerin in den Sinn und meine Adventsstimmung war im Eimer.
Ob die alten Chinesen sie auch für weise gehalten hätten, weil sie so Unwesentliches wie die Auswirkungen der Finanzkrise auf das Wohlergehen des Bürgers konsequent und nervenschonend ignoriert? Wie ein Mantra betet Frau Merkel ihre Überzeugung rauf und runter: Eine Krise dieser bedrohlichen Größenordnung bedarf unbedingt des entschlossenen Abwartens, in jedem Fall bis nach der kommenden Bundestagswahl (meinte sie "Wiederwahl"?) Hie und da ein bisschen Kosmetik muss genügen. Unsere clevere Regentin deklariert längst beschlossene Maßnahmen zum großzügigen Konjunkturpaket I um und sonnt sich im Glanz ihrer "Gipfelitis".
Wie gut, dass bald Weihnachten ist und sich friedvollere Gedanken einstellen werden; dann verlieren auch chinesische Weisheiten ihre Dringlichkeit. Draussen rieselt leise der Schnee, drinnen ist es warm und gemütlich. Der Duft von Kerzen, Mandarinen und Lebkuchen kitzelt die Nase und die Erinnerung an früher wird wach, als Weihnachten für uns Kinder noch eine aufregende Sache war.
Silbernes Lametta auf der Treppe („schau, das Christkind war da“), ein rotes Papierchen gegen allzu neugierige Kinderaugen innen am Schlüsselloch und leckere Schneepralinen auf dem Fensterbrett, wo noch am Abend zuvor unser bunt bemalter Wunschzettel deponiert worden war, („den hat bestimmt das Christkind mitgenommen“). Und am Heiligen Abend aus dem Weihnachtszimmer leises Glöckchengebimmel, das die Bescherung ankündigte. Das waren noch Zeiten!
Ihnen allen erholsame Tage im Kreis ihrer Familie, viele gute Gedanken und ein frohes Weihnachtsfest...
Ihre Roswitha Bosch
Foto: Malene Thyssen (GNU-Lizenz) |