GLOSSE: Heilix Blechle!
01.09.2011

GLOSSE: Heilix Blechle!

Als selbiges bezeichnet der gemeine Automobilist aus dem Schwabenland in der Regel seinen PKW. Meist wird das Blech mit Motor wie ein Augapfel gehütet, gewaschen, andächtig poliert und das solange, bis das Ergebnis den Autobesitzer bisweilen fast schon in religiöse Verzückung treibt. Wenig Verständnis für derlei sakrale Liebesbezeugungen haben zur Zeit unbekannte Pyromanen in Berlin, die ein doch reichlich seltsames Hobby pflegen. Sie fackeln Karossen aus der etwas teureren Abteilung ab und bekennen sich nicht mal dazu. Schon vermutet man in Regierungskreisen schaudernd, hier könnte eine neue terroristische Bewegung im Entstehen sein, die daran arbeitet, Deutschland elementar in seinen Grundfesten zu erschüttern. Irgendwie passt das zum momentan untergangsgeschwängerten Zeitgeist.

Hat doch erst neulich der eher konservative Journalist Frank Schirrmacher in der FAZ zum Erstaunen vieler Leser orakelt, der Kapitalismus torkle seinem Ende entgegen und wir seien wohl zu lange falschen Götzen nachgelaufen. Was ist nur mit dem Mann passiert? In seinem Artikel wirft er zudem die fast schon ketzerische Frage auf, ob die Linke am Ende nicht doch Recht habe mit ihrer grundsätzlichen Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Warten wir noch ein Weilchen, dann bildet Schirrmacher zusammen mit der Linke-Chefin Gesine Lötzsch und dem mittlerweile zum militanten Kapitalismuskritiker mutierten CDU-Politiker Erwin Teufel einen marxistischen Gesprächskreis, ruft in einem Leitartikel zum bewaffneten Widerstand auf und erklärt sich in einer Art spiritueller Verwirrung zu einer Reinkarnationmischung aus Jesus und Che Guevara. Irgendwie ist dem das alles zuzutrauen.

Jürgen Fliege wäre ebenfalls ein vielfach ausgewiesener Spezialist, der dieser noch zu gründenden Bewegung als theologischer Berater gut zu Gesicht stehen würde. Länger schon hat man von dem Fernsehpfarrer nichts mehr gehört, nun aber ist er wieder da und ließ kürzlich ungefragt wissen, dass er nach dem Sex neuerdings bete. Mir war bislang nicht bekannt, dass die Einnahme von Viagra in Kombination mit Messwein derart verwirrt. Aber das nur nebenbei.  Fliege, diese esoterische Allzweckwaffe mit christlichem Background, hat ein neues Geschäftsfeld aufgetan, denn irgendwie muss seine schöne Villa in Tutzing am Starnberger See ja finanziert werden. Sogar die Bildzeitung, Zentralorgan für Unfug aller Art, titelte: „Hat Fliege einen an der Klatsche?“ Ich frage mich, ob man sich das überhaupt noch ernsthaft fragen muss bei Fliege. Denn der mittlerweile 64-jährige bietet auf seiner Homepage eine nach ihm benannte Essenz an, das sogenannte „Fliege-Wasser“. Das Fläschchen kostet 39,95 Euro und sei von ihm persönlich gesegnet, behauptet Fliege. Er lege seine Hände auf die Maschine, in der das Wässerchen hergestellt wird, spreche das Vaterunser und zitiere aus dem Korintherbrief. Eine schöne Geschäftsidee und durchaus nachahmenswert. Aber Vorsicht! Ohne Promistatus könnten Sie schnell in einer geschlossenen Anstalt mit abschließender Sicherungsverwahrung landen.

Ein anderer Promi aus der Glaubensabteilung nähert sich mit einem Rollator seiner alten Heimat. Die Rede ist von Josef Ratzinger, der sich beruflich als Papst betätigt und es gerne hört, wenn man ihn  als „Heiliger Vater“ anspricht, vor ihm kniet und sein Händchen küsst. Der greise Leitwolf der katholischen Kirche besucht Ende September die Stadt Freiburg, darf sich dort ins Goldene Buch eintragen und Anhängern seiner Religionsgemeinschaft die Welt erklären. Schon bei seiner Reise ins erzkatholische Spanien hat er viele neue Freunde dazu gewonnen. Etwa 5000 Demonstrantinnen und Demonstranten, die gegen die enormen Ausgaben seines Besuches protestierten, wurden gnadenlos  niedergeknüppelt. Ganz so hart wird es in Freiburg wohl nicht kommen, obwohl es auch dort mit „Freiburg ohne Papst“ (FoP) eine Initiative gibt, die gegen Ratzingers Besuch Stimmung macht.

Sie wollen ebenfalls nicht einsehen, dass der Steuerzahler für den Papst-Besuch zur Kasse gebeten werden soll. Mindestens fünf Millionen Euro Mehrkosten laufen alleine für die Sicherheitsvorkehrungen der baden-württembergischen Polizei. Andere FoP-Unterstützer protestieren gegen die „menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik“ der katholischen Kirche. Sie erinnern richtigerweise an Ratzingers Bemerkung über die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare, die der Hardliner aus dem Vatikan als „Legalisierung des Bösen“ verunglimpfte.

Wer so am  Tropf der Allgemeinheit hängt wie das Oberhaupt der Katholiken, sollte sich besser zurückhalten und leise Töne anschlagen. Seine Gemeinschaft darf sich hierzulande über staatliche Privilegien freuen, die weltweit einzigartig sind. Der Staat treibt für sie die Kirchensteuer ein, die sich  alleine 2009 für die Katholiken auf 4,9 Milliarden Euro und für die Evangelen auf 4,4 Milliarden belief. Durch die Abzugsfähigkeit der Kirchensteuer von der Einkommenssteuer als Sonderausgabe verzichten Bund und Länder auf rund 3 Milliarden Euro Steuereinnahmen jährlich. Durch das staatliche Inkasso der Kirchensteuer, statt eigener Kirchensteuerämter, haben die Kirchen eine Kostenersparnis von etwa 1,7 Milliarden Euro. Unterm Strich wird die Kirchensteuer zu mehr als 50 Prozent durch staatliche Maßnahmen gestützt.

Sie merken schon, liebe LeserInnen, das macht mich sauer, und zwar nachhaltig. Diese Vorzugsbehandlung zweier Religionsgemeinschaften in einer säkularen Gesellschaft ist meiner Meinung nach ein handfester Skandal. Wie wäre es denn, wenn die katholische Kirche die Tourneen ihres Vorbeters aus eigener Tasche bezahlt? Geld genug haben sie ja. Ausnahmsweise möchte ich an dieser Stelle all denen, die an den finanziellen Mauscheleien der Kirchen interessiert sind, wärmstens folgendes Buch von Carsten Frerk empfehlen: „Violettbuch Kirchenfinanzen – Wie der Staat die Kirchen finanziert.“ Erschienen im Alibri-Verlag.

Spannende Lektüre wünscht
Ihr Laienprediger
Franz Holz