GLOSSE: Praktisch, quadratisch, rund
25.02.2011

GLOSSE: Praktisch, quadratisch, rund

Die  Schweizer haben, tief und untrennbar verbunden mit Traditionen aus der späten Bronzezeit, die Waffeninitiative abgelehnt. Somit dürfen die allzeit verteidigungsbereiten Helvetier ihre  Armeegewehre weiterhin in den eigenen vier Wänden aufbewahren. Dass mit den häuslichen Knarren jährlich in der Schweiz rund 250 Leute umgenietet werden, private Scharmützel und Eifersuchtsdelikte stehen bei dieser Mordstatistik ganz weit oben, hält eine Mehrheit in unserem Nachbarland demnach für einen vernachlässigbaren Kolateralschaden.

Oder haben die Schweizer damit nur rechtzeitig und klug vorausschauend auf aktuelle Ereignisse reagiert? Denn auf Europa, das scheint das wackere Bergvolk tief in seiner folkloristischen Seele zu ahnen, kommt einiges zu. Wenn erstmal fünf Millionen Nordafrikaner mit Schlauchbooten an europäischen Gestaden festgemacht haben, um von unserem Wohlstand zu kosten, dann sind zumindest die Eidgenossen gewappnet. Da könnte ja jeder kommen. Also schnell die Wumme aus dem Kleiderschrank geholt, vorab zwei, drei Warnschüsse  – da wird der dunkelhäutige Eindringling schnell blass und sucht das Weite.

Aber ganz im Ernst: Zuviel Berge werfen unweigerlich Schatten und verstellen dann doch den Blick auf das Wesentliche. Es waren vor allem die StimmbürgerInnen aus den ländlichen Gebieten, die sich der Waffeninitiative verweigerten. In abgeschiedenen Tälern glaubt man wohl immer noch, bei einer drohenden Invasion schütze der rund um die Uhr griffbereite Schießprügel vor der feindlichen Landnahme räuberischer Horden. Diese drolligen Ureinwohner mit ausgeprägtem Hang zu Brauchtum und    Heimatliebe haben offenbar keinerlei Vorstellung, wie kommende Kriege geführt werden.

Bei einer Mobilmachung kommen sie nicht mal bis zum heimischen Waffenschrank. Denn schon lange vorher hat, tritt der Ernstfall tatsächlich ein, irgendwo auf dieser Welt ein Cyberspezialist ein Knöpfchen gedrückt und Tells Erben verglühen binnen kürzester Zeit beim Kontakt mit einer atomwaffenbestückten Drohne. Da hilft auch kein Käsefondue. Aber derlei Realitäten sind noch nicht durchgedrungen bis nach Appenzell-Ausserrhoden und anderen von der Außenwelt abgeschnittenen Äckern und Fluren. Ist vielleicht auch besser so.

Ähnlich weltfremd gebärdete man sich in der Abteilung Landluft, als sich unlängst eine Mehrheit gegen den weiteren Bau von Minaretten aussprach. Zwar hatte man nur vage Vorstellungen, wie ein islamischer Gebetstempel mit Minarett tatsächlich aussieht und wusste auch nur vom Hörensagen, dass es irgendwo in der Schweiz welche gibt. Aber das Gerücht, bei einer Zustimmung für Minarette  müssten alle Schweizer Arabisch lernen, sich umgehend einen Gebetsteppich erwerben und ab sofort ihren Sommerurlaub in Mekka verbringen, dieses Gerücht zeigte dann Wirkung. So gesehen, finde ich, kann man das Abstimmungsverhalten der Landbevölkerung sogar verstehen.

Werfen wir einen Blick vor unsere eigene Haustüre. Sehr zur Freude berufsmässiger Spötter hat die Konstanzer Stadtverwaltung aktuell wieder einiges im Köcher, was für eine überregionale Belustigung allemal reichen sollte. Die Gestaltung der öffentlichen Plätze treibt verbeamtete Bedenkenträger offensichtlich heftig um. Sie sorgen sich vor allem um das Outfit der Altstadt und sinnen auf Abhilfe der ihrer Meinung nach innerstädtischen Verwahrlosung. Sonnenschirme vor den Kneipen und Restaurants sollen in Zukunft alle rund sein, Blumenkübel einheitlich in Umfang und Farbgebung, Pflanzenschmuck vor den Läden nicht höher als 1,20 Meter und auch der unterschiedlichen Bestuhlung vor den Restaurants möchte man gerne per Dekret einen Riegel vorschieben. Sie glauben das nicht und denken, es handle sich um einen Fasnachtsscherz?  

Mitnichten,  diese  Verordnungshysteriker sind von ihrem Tun zutiefst überzeugt und versuchen emsig, mit deutscher Gründlichkeit neue Maßstäbe zu setzen. Man wolle mit dieser Aktion, so die Begründung, vor allem der historischen Altstadt ein einheitliches Bild verpassen. Nordkoreanische Städteplaner lassen grüssen! Da den Konstanzer Kontrollettis mit einem postmodernen Blockwart-Gen auch die Meinung auswärtiger Gäste wichtig ist, freuen sie sich über ernstzunehmende Vorschläge, die, je absurder sie sind, von der Stadtverwaltung gerne entgegen genommen werden. Denn da ist noch reichlich Luft nach oben. Bierdeckel und Untersetzer dürsten nach Standardisierung, die Form der Aschenbecher ebenso, und auch an Bekleidungsvorschriften für das Bedienungspersonal sollte gedacht werden, damit des Wahnsinns kesse Beute auch wirklich greift.

Eine Jury „Unsere Stadt soll schöner werden“ kürt bis zur kommenden Freiluftsaison die bahnbrechendsten Ideen. Erster Preis: Ein Wellnesswochenende für zwei Personen im Reichenauer Zentrum für Psychiatrie. Mit im Rundumpaket: Großes Blutbild, Darmspiegelung und Hirnstrommessung. Gegen einen kleinen Aufpreis wird auch das vegetative Nervensystem einem Totalcheck unterzogen. Anreiz genug also, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. Wir wünschen viel Erfolg.

Mit aufrichtigen Grüßen

Ihr Franz Holz