GLOSSE: Schicksalsgemeinschaften
27.01.2011

GLOSSE: Schicksalsgemeinschaften

Als solche kann man getrost Reisende bezeichnen, die beschlossen haben, sich auf ihrem Weg von A nach B der Bundesbahn anzuvertrauen. Kennen Sie die ärgsten Feinde dieses Unternehmens? Bevor Sie ihren Telefonjoker verspielen, verrate ich sie Ihnen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Letzterer zeigte der Bahn täglich ihre eng gezogenen Grenzen auf. Manche Städte und Ortschaften waren aufgrund verschneiter Gleise bahntechnisch tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Da die Raffkes der DB in den vergangenen Jahren kaum in eine vernünftige Infrastruktur investiert hatten, löste bereits leichter Schneefall regelmäßig ein Beförderungschaos aus. Guten Morgen, Herr Grube! Sie wollen tatsächlich Stuttgart 21 bauen? Bei weiteren halluzinatorischen Anfällen fragen Sie doch lieber erstmal Ihren Arzt oder Apotheker.

Wir bleiben beim Thema und wenden uns einer wahren Begebenheit zu. Nach einem Kurzbesuch in München wollte unsere kleine Reisegesellschaft wieder an den Bodensee zurück. Wir standen am Bahnsteig und froren bei leichtem Schneefall vor uns hin. Nach einer halben Stunde wurde uns erklärt, dass ein Teil der  Strecke vorübergehend wegen Gleisarbeiten gesperrt sei, aber Ersatzbusse bereit stünden, die uns zum nächstgrößeren Bahnhof bringen würden. Kein Problem, hieß es, von dort kämen wir flott weiter und erreichten auch noch alle Anschlüsse Richtung Heimat. Von wegen. Nach einer wahren Odyssee landeten wir schließlich in einem Zug Richtung Lindau. Dieser war derart überfüllt, dass es kaum mehr Stehplätze gab. Der allgemeine Missmut steigerte sich minütlich und plötzlich rückten Menschen, die sich ansonsten wohl eher in nonverbaler Kommunikation üben, in ihrer Not zusammen. Es begann zumindest im Ansatz nach Revolte zu riechen.

Und dann ging es ganz flott. Die Abteile der Ersten Klasse waren weitgehend leer. Da musste man nicht lange diskutieren – die Masse der gequälten Zweitklässler besetzte kurzerhand die teureren Plätze. Da sage noch einer, die Deutschen würden  zuerst einen Antrag formulieren, wenn ihnen der Sinn nach einer klassenlosen Gesellschaft stünde! Es kehrte Ruhe ein im Waggon, denn nun hatten fast alle einen Sitzplatz. Dann aber erschien unvermittelt ein junger Fahrkartenkontrolleur und  forderte uns in unfreundlichem Ton auf, umgehend aus der Ersten Klasse zu verschwinden, da hätten wir Figuren aus der Leichtlohngruppe rein gar  nichts zu suchen. Andernfalls informiere er die Bahnpolizei und wir würden beim nächsten Halt des Zuges verwiesen. Das hätte er besser bleiben lassen sollen. Eine ältere Dame geriet sofort in Rage und wünschte den „arroganten und ungehobelten Rotzlöffel“ zum Teufel. Taktisch äußerst unklug erneuerte der so Gescholtene seine Aufforderung. Daraufhin brach ein gemeinschaftlicher Sturm der Entrüstung los und der Zugbegleiter konnte froh sein, dass er körperlich halbwegs unversehrt aus dem Abteil wieder heraus kam.

Wie es um seine berufliche Qualifikation bestellt war, konnten wir kurze Zeit später erfahren. Auf die Frage, welche Verbindungen uns die Bahn Richtung Konstanz noch anbieten könne, offenbarte der Mann seine umfangreichen geographischen Kenntnisse: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn Konstanz liegt in der Schweiz und da habe ich keinerlei Unterlagen.“ Aha. Zu später Stunde erreichten wir nach insgesamt achtstündiger Fahrzeit Konstanz, die neue Stadt in der Schweiz. Noch Fragen, Bahnchef Grube? Kennen Sie eigentlich diesen netten Vers des Kabarettisten Thomas C.Breuer: „Für die Schwäbsche Eisebahne weichen Buche und Platane/ Bahnchef, Mappus und OB, mecht mr eigentlich nimmr seh/ Für die Schwäbsche Eisebahne schlägt mr eifrig Untertane/ Wasserwerfer, Tränegas – ja, so macht des Bade Spass!“ Apropos Schweiz. Wer sich mit den durchweg pünktlichen Zügen beispielsweise Richtung Appenzell bewegt, wird unterwegs mit einer wunderbaren Ansage verwöhnt: „Nächster Halt auf Verlangen – Lustmühle“. Soviel sympathische Sinnlichkeit kann man sich bei der Deutschen Bahn beim besten Willen nicht vorstellen.

Eine etwas anders geartete Schicksalsgemeinschaft müht sich derzeit im RTL-Dschungelcamp, dessen Motto „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ weitgehend irreführend ist. Von Stars kann bei der aktuellen Besetzung wohl kaum die Rede sein. Abgestürzte C-Promis haben sich gegen 50 000 Euro auf die Hand verpflichtet, in Australien vor laufenden Kameras die Affen zu geben. Und schnell raus wollen sie da auch nicht, denn wer am Schluss übrig bleibt nach diversen Ekelprüfungen bekommt nochmal Kohle extra. Also verspeisen sie Kakerlaken, legen sich Schlangen um den Hals, plantschen in Gülle, trinken übelriechenden Erdkrötenurin mit verfaulten Cocktailkirschen und mobben sich gegenseitig täglich rund um die Uhr.

Das Niveau dieser sogenannten Reality-Show liegt weit unter dem von steinzeitlichen Primaten und man kann getrost davon ausgehen, dass der Intelligenzquotient eines Großteils der Zuschauer auch nur knapp über der Debilitätsgrenze dümpelt. Als besonderen Pausenclown hat RTL diesmal den ehemaligen Kommunarden Rainer Langhans eingekauft. Der alte Zausel labert allerlei Esoquark und müht sich redlich, der ihm zugedachten Rolle als Exot gerecht zu werden. Mittlerweile wurde er vom RTL-Publikum per Telefonabstimmung aus dem Camp gewählt. Man könnte erbost zum Boykott dieser völlig überflüssigen Sendung aufrufen. Das wiederum fände ich langweilig. Zumindest einmal sollte man sich anschauen, bis zu welcher Tiefe sich mittlerweile menschliche Abgründe auftun. Das reicht dann aber auch.

Franz Holz