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03.11.2010
Mitte Oktober stand für einen kurzen Augenblick die Welt still. Bei einem Festbankett zu Ehren des deutschen Bundespräsidenten und freiberuflichen Wanderpredigers Christian Wulff im Kreml entdeckten Teilnehmer des Gelages Würmer im Salat. Nach Augenzeugenberichten sollen es insgesamt sechs dieser wirbellosen Tiere gewesen sein, die sich in aller Ruhe durch das Grünfutter gefressen haben. Ob auch Wulff ahnungslos einen russischen Wurm verspeiste, oder gar mehrere, ist bislang noch ungeklärt. Da aber keine größeren Ausfall-erscheinungen beim obersten Deutschen festzustellen waren, will man das Thema nun doch zu den Akten legen. Das gute Verhältnis zum Iwan und seinen Salatwürmern, so das Bundespräsidialamt in einer Pressemitteilung, sei weiterhin bestens und daran werde sich trotz des dramatischen Vorfalls auch nichts ändern. Auch der eiligst herbeigerufene Helminthologe („Wurmkundler“) Prof. Dr. Sebastian Helmenreich schloss gesundheitliche Folgeschäden weitgehend aus.
Das Schaf im Wulffspelz sei wohlauf und auch seine Gattin habe die Wurmattacke schadlos überstanden. Ich will hier das Thema nicht überstrapazieren, aber wenn’s ein Bandwurm war, der sich in das präsidiale Dünn- und Dickgedärm eingeschlichen hat und es sich dort gemütlich macht, sollte man die Angelegenheit nicht auf die allzu leichte Schulter nehmen. Bandwürmer gelten als sehr gefrässig, werden ausgewachsen bis zu zwölf Meter lang und bahnen sich dann irgendwann und irgendwie ihren Weg ins Freie. Sie finden, das reicht jetzt? Nun gut, dann schauen wir mal, wo sonst noch überall der Wurm drin ist im Land der Dichter und Denker.
Unser Blick muss da nicht allzu weit schweifen. Richtig, in Stuttgart werden wir fündig. Sie wissen schon: Dort wird gepfeffert darüber gestritten, ob man den alten Kopfbahnhof einfach so abreißen kann, um einen neuen Durchgangsbahnhof, „Stuttgart 21“ benannt, in den porösen Stuttgarter Untergrund zu pressen. Der, so hieß es im letzten Jahrtausend, sei für nicht mal 4 Milliarden Euro relativ günstig zu haben und verbinde Stuttgart schienentechnisch endlich mit dem Rest der Welt. Anschließend könnten vor allem die Baden-Württemberger dann das tun, wovon sie schon immer geträumt haben: Täglich von Stuttgart aus über München, Wien und Bratislava direkt nach Budapest donnern. Na, das ist doch ein Angebot, dachten die Strippenzieher der Bahn und wähnten sich durch die Unterstützung politischer Trittbrettfahrer auf sicheren Schienen.
Nicht nur seit heute wissen wir: Das war wohl eher ein sehr tiefer Griff ins sprichwörtliche Klo. Und: Es dauert lange, bis der Schwabe mal rollt, aber wenn er rollt, dann richtig. Erst waren es nur wenige hundert, die ihren Protest gegen S 21 auf die Straße trugen. Aber dann, als der Teilabriss des alten Bahnhofs anstand, war die halbe Stadt unterwegs, um den Mächtigen laut und deutlich den Marsch zu blasen. Das Projekt sei mittlerweile mindestens dreimal so teuer, war und ist zu hören, ein sofortiger Baustopp wurde verlangt, der Bahnhof müsse „oben bleiben“ und außerdem habe man von dem „Lügenpack“ rings um den Ministerpräsidenten Mappus sowieso die Schnauze gestrichen voll. Dieser, nicht nur Hardliner sondern auch schlichtes Gemüt, glaubte, er könne den Widerstand seiner Landsleute mittels staatlicher Gewalt zum Versiegen bringen.
Am 30.9. dann sein Kardinalfehler. Er setzte gegen Demonstranten – darunter viele Schüler, Pensionäre und ansonsten weitgehend strukturkonservative Zeitgenossen – Wasserwerfer und schlagstockbewehrte Horden ein, die wahllos über die friedfertigen Bürger her fielen. Das kam nicht gut an beim Volk, das mehrheitlich S 21 ablehnt. Und nun denkt man also an Schlichtung, obwohl es eigentlich nichts zu schlichten gibt. Für die unsinnige Übung wurde der CDU-Politrentner Heiner Geißler ins Boot geholt, der in mehreren Sitzungen zur Befriedung der Situation beitragen soll. Das ganze Theater kann man sich getrost sparen und anstatt dessen lieber hurtig das Volk über das großmannssüchtige Projekt abstimmen lassen.
Mappus, Rech, Gönner und Konsorten schielen ängstlich auf die kommenden Landtagswahlen und hoffen inbrünstig, dass der Protest über die Wintermonate einfriert. Der Bürgeraufstand hat die Grünen, die schon immer gegen S 21 waren, nach oben gespült und schon wird gemutmaßt, der nächste Ministerpräsident könnte Kretschmann sein. Jener aber liebäugelte lange Zeit damit, zur CDU unter die Decke zu kriechen. Spätestens im März 2011 werden wir wissen, ob der neue Ministerpräsident eventuell Mappmann heißt.
Die erbärmlichste Figur bei der Bahnhofsdebatte geben allerdings die Sozialdemokraten ab, deren Führungsfiguren jahrelang laut für S 21 trommelten. Erst als sie merkten, dass ihnen das keine Punkte bringt, sprangen sie im letzten Moment auf den Zug auf und fordern nun ebenfalls einen Volksentscheid. Völlig peinlich aber wird es, wenn die blassroten Sozis nun quäken, ihr Vorsteher Nils Schmid sei bereit, die Nachfolge von Mappus anzutreten. Zur Zeit dümpelt die badenwürttembergische SPD bei 20 Prozent, die Grünen bei klar über 30. So erübrigt sich die Frage, wer hier Koch und wer Kellner ist. Das zu akzeptieren, fällt den Rumeierern um Schmid offensichtlich schwer. Sie gebärden sich immer noch so, als führten sie ein Gourmet-Restaurant, das aber bei genauerem Hinsehen eher an eine abgewirtschaftete Frittenbude erinnert.
Schöne Grüße nach Wurmlingen Franz Holz |