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29.01.2012
Bevor ich hier nun Spott, Schadenfreude und Häme über das Haupt des Bundespräsidenten schütte, erstmal eine kleine, persönliche Anmerkung meinerseits. Sie können das nicht wissen, werte Leserinnen und Leser dieser Zeilen: Obwohl ich heute GEBURTSTAG habe und mein Fernsprechapparat der vielen Glückwünsche wegen seit dem Morgengrauen glüht, lasse ich mich dazu hinreißen, Ihnen Ihre Langeweile zu vertreiben und gegebenenfalls sogar zu Ihrem Amüsement beizutragen. Weiß ich doch längst, dass Sie meine Zeilen Monat für Monat gierigst verschlingen. Höre ich da frenetischen Applaus ob meiner Großzügigkeit? Recht so, denn ein Held der Arbeit sollte gebührend gefeiert werden. Aber jetzt zum Wesentlichen.
Tja, was soll man dazu noch sagen? Christian Wulff, Noch-Bundespräsident, bekommt seit Wochen kräftig auf die Mütze. Schon der günstige Promikredit - für eine im übrigen potthässliche Hütte - hätte uns alle skeptisch machen müssen. Der Mann hat offensichtlich so gar keinen Geschmack. Und sein ewig grinsendes Ehegesponst wohl auch nicht. Aber vielleicht wollten die Wulffens, die sich gerne in den Palästen reicher Freunde herum treiben, ganz bewusst mit dem Erwerb ihrer Elendsbehausung signalisieren: Schaut her, Bescheidenheit ist unsere Zier und aus Pomp und Protz machen wir uns im Grunde genommen überhaupt nichts!
Diese Botschaft aber kam wohl nicht an und das ständige Bemühen, diesem Präsidentenpraktikanten anheimelnde Volksnähe anzudichten, ging auch völlig in die Hose. Fast täglich wurden neue Meldungen über Wulffs ranzige Beziehungen zu Sympathieträgern wie Maschmeyer und Konsorten durchs Land gejagt und die einst hohe Zustimmung für ihn schmolz wie Schnee in der Sonne. Sein überaus dämlicher Versuch, mit einem Anruf bei Bild-Chef Diekmann einen garstigen Artikel über ihn und seine dubiosen Unternehmungen zu verhindern, kam auch nicht gut an. Nun steht er ziemlich gelackmeiert da und weiß nicht, wie er aus der Nummer wieder rauskommen könnte. Die Einschläge rücken ständig näher und Wulff wäre sicher gut beraten, sich umgehend beruflich abzusichern. Nach seinem Rücktritt, ich tippe auf Anfang Februar, wird er vorübergehend in irgendeinem Aufsichtsrat mit einem Jahresgehalt von einer schlappen Mio zwischengelagert. Was ein tränenreicher Abstieg ins tiefe Tal der der völligen Perspektivlosigkeit!
Dabei hatte doch alles so wunderbar angefangen. Christian Wulff, Typ beliebtester Schwiegersohn zwischen Flensburg und Konstanz, umhätschelt und liebkost von der Journaille, hurtig aufgeblasen zum Hoffnungsträger für spätere, große Aufgaben. Kaum war er Ministerpräsident, wurde schon orakelt, der nächste Schritt ins Kanzleramt sei nur noch eine Frage der Zeit. Mit seinen CDU-Amigos Müller, Merz und Koch, so die Presse im Brustton der Überzeugung, werde er der Kanzlerin Angela Merkel gehörig einheizen und ihr die Lust am Amt nachhaltig vergällen. Es kam aber anders. Einer nach dem anderen der Hochgehandelten warf das Handtuch und verabschiedete sich von der politischen Bühne. Merkel hielt sich dabei zumindest öffentlich weitgehend zurück und konnte dem Massensterben ihrer vermeintlichen Konkurrenten gelassen zusehen. Als dann Bundespräsident Horst Köhler zurücktrat, wurde Wulff mit Merkels Gnaden ins Amt gehievt. Damit hatte sie ihren letzten Gegenspieler auf elegante Weise entsorgt.
Und nun? Werfen wir einen Blick zurück. Köhlers Rücktritt kam überraschend, damit hatte keiner gerechnet. Außerdem gab es eigentlich gar keinen Anlass dafür. Köhler hatte ja nur behauptet, dass der Krieg in Afghanistan auch mit deutschen Interessen verknüpft sei. Mit dieser Einschätzung lag er ausnahmsweise richtig, nur hörte man das damals nicht gerne. Denn offiziell wurde den Deutschen erklärt, der Bundeswehreinsatz am Hindukusch sei eher dem Bereich der humanitären Entwicklungshilfe zuzuordnen. Dort bohre man Brunnen, verteile Spielzeug an die Kinder und führe Frauen über die Straße. Das Wort Krieg war verpönt und aus dem deutschen Sprachschatz vorübergehend gestrichen. Köhler kam aufgrund seiner unbeabsichtigten Offenheit sofort unter medialen Beschuss. Und da das Sensibelchen – ein im Grunde genommen auch weitgehend untalentierter Präsidentendarsteller – mit Kritik gar nicht umgehen kann, trat er beleidigt zurück. Wenn jetzt Wulff die Faxen tatsächlich bald dicke hat und sich vom Acker macht, dann muss umgehend ein neuer Grüßonkel her.
Hinter den Kulissen laufen bereits die ersten Vorkehrungen, das würdige Amt mit einer neuen Lichtgestalt zu besetzen. Das Procedere könnte so aussehen: Ernstgemeinte Vorschläge sind dem Kanzleramt zuzuleiten. Einsendeschluß wäre voraussichtlich der 1. April. Für die Kandidatenendrunde qualifizieren sich die vier Bewerber mit den meisten Stimmen. Vorgestellt werden sie von Günter Jauch in einer Spezialsendung. Per Telefon und Internet sollen dann die Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgeben. Damit die Sache noch einen zusätzlichen Eventcharakter erhält und eine fette Einschaltquote garantiert ist, muss der gekürte Stimmenkönig für eine Woche ins Dschungelcamp. Bewährt er sich in einer Gruppe von hirntoten Achtelpromis auch dort und frisst vor laufender Kamera mindestens 50 Kellerasseln und einen Eimer roher Rattenleber, steht einer Amtseinführung nichts mehr im Wege. Ehrlich gesagt: Meine Lieblingskandidaten wären Lothar Matthäus oder Dieter Bohlen. Aber mich fragt ja keiner.
Bevor ich es vergesse: Was mich bei diesem Affenzirkus am meisten belustigt, ist die Rolle der Bildzeitung. Das Blatt, produziert von schreibenden Kopfjägern für auf intellektuelle Schlichtheit gebürstete Leser, gefällt sich seit geraumer Zeit als Oberaufklärer in Sachen Wulff. Man wähnt sich sogar an vorderster Front beim Kampf um die Verteidigung der Pressefreiheit. Treppenwitziger könnte dieses Gebaren nicht sein.
Meint Ihr Präsidentschaftskandidat Franz Holz
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