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11.07.2011
…an einem der ersten warmen Sommerabende ist vielleicht nicht der richtige Augenblick, um an Europa zu verzweifeln. Viel schöner wäre es, auf dem Balkon zu sitzen, die samtblaue Nacht und den Sternenhimmel zu betrachten und Europa Europa sein zu lassen.
Interessant sind die beiden ziemlich gegensätzlichen sprachlichen Wurzeln des Namens Europa. Den alten Griechen war Europa „die [Frau] mit der weiten Sicht“. Hübsch, aber nicht logisch. Aus den griechischen Sagen hingegen lässt sich eine ganz andere Bedeutung ableiten. Eine phönizische Königstochter soll Zeus schwimmend nach Kreta entführt und dort verführt haben. Man stelle sich vor, den Göttervater zu ent- und verführen – ist das nicht ziemlich unvorsichtig und ruchlos? Wahrscheinlich geschah es im Schutze der Dunkelheit, denn erob heißt auch „dunkel“ oder „Abend“.
Oder die Geschichte war ganz anders und Zeus verliebte sich in Europa, verwandelte sich wegen seiner eifersüchtigen Gattin Hera in einen Stier und entführte die bildhübsche Europa in sein Königreich Kreta.
Es ist lange her, dass wir in der Schule von Europa gesprochen haben. Wir lernten zwar nichts über erfolgreiche Verführungstechniken von Göttervätern – aber unser Lehrer verstand es, uns naive Mädels für die europäische Idee zu begeistern. Wir würden alle nur eine Währung haben, in jedes europäische Land reisen und dort sogar leben und arbeiten können. Das klang vielversprechend; denn damals war es unser aller Traum, fremde Länder kennen zu lernen. Ich weiß noch genau, dass ich gefragt habe, ob wir dann alle in einer Sprache sprächen??
Ich war abgrundtief enttäuscht, denn mein Lieblingslehrer verneinte heftig: die europäischen Länder sind Nationalstaaten, und werden es auch bleiben, brummte er ungehalten. Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, viel weiter gefaßt und viel offener – wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Inzwischen weiß ich, dass neun verschiedene Sprachfamilien in Europa zuhause sind: indogermanisch, semitisch, baskisch, mongolisch, die Turksprachen und noch einige andere. Also keine einheitliche Sprache, statt dessen weiterhin „Turmbau zu Babel“ und Verständnisschwierigkeiten.
Es gäbe tatsächlich keine Grenzen mehr, die Schlagbäume würden überflüssig. Wir jubelten! Diese Vorhersagen wurden tatsächlich Wirklichkeit – aber leider nicht für immer. Derzeit gibt es neue Überlegungen, die Grenzen wenigstens zeitweise dicht zu machen, die Zugbrücken zur „Festung Europa“ wieder hochzuziehen. Das ist nicht das, was ich wollte. Vielleicht wäre ich schon damals nur halb so enttäuscht gewesen, wenn ich geahnt hätte, dass Europa gar kein Ort ist, sondern bloß eine Idee, wie der französische Philosoph Bernard-Henry Leví es formulierte.
Eines macht mich besonders wütend – dass alle so tun, als ob sie den totalen Durchblick hätten - dabei kann mir niemand in wenigen Worten schlüssig erklären, was passieren würde, wenn Griechenland zur Drachme zurückkehrte. Ich jedenfalls möchte mir von niemandem Geld leihen müssen, um als Gegenleistung hässliche Kröten zu schlucken. Dumm nur, ich bin nicht neutral, ich bin mit einer ganz lieben fünfköpfigen Familie in Griechenland verwandt, die unsere Milliarden in gar keinem Fall will… Ihre Roswitha Bosch
Foto: Europa als Skulptur (1915-1918) Standort: Rosengarten in Bern/Schweiz Schweizer Bildhauer: Karl Hänny Fotograf: Wattewyl Wikipedia CC 3.0
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