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30.05.2011
…da draußen scheint die Sonne mit einer Kraft, die sie sonst erst im Sommer an den Tag legt, als wolle sie zeigen, dass ihr alle Sturmtiefs und Gewitterfronten gestohlen bleiben können – ausserdem ist es feucht und schwül, wie in den Tropen.
Nur hier drinnen ist es ganz schön frostig, wenn man die Reaktionen der Südländer auf die letzten verbalen Ergüsse unserer Kanzlerin liest, die sie mit strenger Stimme und erhobenem Zeigefinger auf dem Marktplatz von Meschede von sich gab. Puhh, diese Eiseskälte und Wut, die in unseren südlichen Nachbarn da hochsteigt – wie gut, dass Angie nur in Meschede spricht und nicht auf der Puerta del Sol in Madrid. Faule Eier und Tomaten wären wahrscheinlich das Mindeste, was da geflogen käme!
Die erste Frau im Staate erklärt den 1500 Zuhörern aus Meschede und uns allen, was wichtig ist, „dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen; wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig.“ Klingt logisch – nur, wieviel ist ganz viel und wie wenig ist ganz wenig??
Wer regelmässig Urlaub auf den spanischen Inseln macht oder wie ich, Verwandte in Griechenland hat, der weiss, dass die jungen Leute nichts dafür können, wenn die Regierenden sich nicht ausreichend für soziale und politische Reformen einsetzen. Woher kommen denn die Probleme der Mittelmeerländer? Doch nicht einzig und allein daher, weil Spanier, Portugiesen und Griechen faul sind?? Schade, dass unsere Kanzlerin solche Stammtischparolen verbreitet. Warum schaut sie sich die nackten Zahlen denn nicht an?
Für Karl-Otto, der zusammen mit einer Bierflasche auf der Bank sitzt, ist der Fall sonnenklar. Kohls Mädchen hat natürlich zu 100% recht, sie ist ja schließlich Physikerin und die müssen doch sogar in Nano-Einheiten rechnen, oder etwa nicht? Ihre Kollegen aus der Polit-Riege sehen das ein bisschen anders. Da ist von „antieuropäischen Ressentiments“ die Rede, von „Marktplatz-Sprüchen“ und von „Kolonialismus pur“.
Aber zurück zu der unsinnigen Schelte unserer ersten Politikerin gegen die Südländer: erstens stimmt ihre Milchmädchen-Rechnung nicht. Zweitens sind die jungen Spanier keineswegs faul, sie würden sich die Finger nach einem Job ablecken; denn die Jugendarbeitslosigkeit beträgt fast 45 Prozent. „Viva España“, das war gestern. Und das spanische Establishment tut nichts, ausser einen strengen Sparplan durchzusetzen, um dem europäischen Rettungsschirm zu entgehen und aus eigener Kraft wieder auf die Füsse zu kommen.
Meine Sympathie gehört der jungen Generation, die auf der Puerta del Sol für ihre Zukunft demonstriert. Möge sich der Erfolg einstellen, wenn sie mit dem Satz protestiert: „Echte Demokratie, JETZT!“… Ihre Roswitha Bosch
Foto: pasotraspaso (flickr.com - CC BY 2.0) |