Liebe Leser... Leistungsprinzip oder Leidenschaftsprinzip
29.10.2010

Liebe Leser... Leistungsprinzip oder Leidenschaftsprinzip

…ein sonniger Herbstsamstag. Die Stadt ist voller Menschen, nicht wenige davon sind mit Einkaufstüten bepackt. Im Schuhgeschäft um die Ecke stöhnen die Verkäuferinnen über den großen Andrang an Kunden, die warme Stiefel anprobieren wollen. Ist das schon der vielbeschworene Aufschwung oder nur die Befürchtung, dass der Winter wieder lang und kalt werden wird?  

In der Zeitung ist zu lesen: Die Wirtschaft boomt. Wer die Prognosen der Experten für bare Münze nimmt weiß, dass auch das kleinste Wirtschaftswunder nicht umsonst zu haben ist. So auch jetzt: Der Fachkräftemangel könne nur auf zwei Arten ausgeglichen werden. Entweder man erleichtere die Zuwanderung oder es drohe eine Wochenarbeitszeit von bis zu 48 Stunden, denn mit Arbeitslosen und älteren Arbeitnehmern könne der Mangel an Spezialisten nicht behoben werden.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen macht eine andere Rechnung auf, sie bewertet einzig und allein die Arbeitslosenstatistik. Der „Bild am Sonntag“ erzählt sie, dass demnächst die 3-Millionenmarke geknackt werde. Ihre Prognose für diesen Herbst/Winter: „Der Aufschwung erreicht alle – auch Gruppen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit wie ältere Menschen über 50 Jahre, Frauen und Ostdeutsche.“

Sogar die Aussagen der Fachleute widersprechen sich. Noch vor kurzem haben Wirtschaftswissenschaftler vorsichtig angedeutet, dass die Zeit der Vollbeschäftigung endgültig vorbei sei. Heute wird auf FAZnet verkündet, „in mittlerer Zukunft wird jeder, der arbeiten will, einen Job bekommen. (…) Spätestens für das Jahr 2020 rechnet Arbeitsmarktfachmann Möller mit Vollbeschäftigung.“

Was so mancher Bundesbürger jedoch von den „Experten“-Meinungen hält, ist im Internet nachzulesen: „Warum heißen die überhaupt Experten? Man könnte sie doch ’Zigeuner mit Glaskugel’ nennen. Das Ergebnis wäre das gleiche, aber man wüsste schon vorher, was man von diesen Weissagungen zu halten hat.“ Oder: „Ich frage mich, ob diese Experten das nicht mal den Millionen Arbeitslosen erzählen sollten, für die eine 45-Stunden-Woche eine klare Verbesserung wäre. Die sind jetzt nämlich volle 168 Stunden pro Woche arbeitslos und die Mehrheit dürfte dies zum Kotzen finden.“

Längst ist der Zusammenhang zwischen Arbeit und Lebenszufriedenheit bekannt, nicht nur Glücksforscher sind davon überzeugt, dass langjährige Arbeitslosigkeit schlimmer ist, als Krankheit oder Scheidung. Neulich hat Meike Winnemuth bei Günther Jauch die stolze Summe von 500.000 Euro gewonnen. Auf die Frage von Jauch, ob sie nicht gleich hier und jetzt ihre Kündigung bei der Süddeutschen Zeitung einreichen wolle, antwortete sie ziemlich verblüfft: „Sie spinnen, Herr Jauch!“ Aber viele ihrer Freunde stellten ihr dieselbe Frage. Da schrieb sie in einem offenen Brief:

„Warum sind sich alle einig, dass es nur um Geld geht – und nicht auch um Freude? Das Konzept von Arbeit scheint zwei Jahrhunderte nach der industriellen Revolution immer noch eines von elender Knechterei zu sein, unter Stöhnen erlitten, um dafür drei Wochen bei 28 Grad auf dem Rücken liegen zu dürfen. Warum sollte man acht, eher zehn Stunden für etwas opfern, was man nur widerwillig tut? Wer liebt, was er tut, macht es auch gut. Leistungsprinzip? Nein, Leidenschaftsprinzip. Was für ein Geschenk, so einen Beruf zu haben...“

Ihre Roswitha Bosch


Foto 1: Martinimarkt Singen 2009
© R. Bosch