GLOSSE: Heißer Herbst...
10.10.2010

GLOSSE: Heißer Herbst...

Eine Metapher, die  vermehrt durch die Medienlandschaft geistert und ankündigt, dass die nächsten Monate unangenehm werden könnten für die Regierenden in Bund und Land. Dagegen liest sich die Erläuterung auf Wikipedia über die nachsommerliche Periode weitgehend neutral und friedlich an: „Die Alliteration Heißer Herbst bezieht sich zunächst konkret auf einen warmen, jahreszeitlichen Verlauf, und ist von Bedeutung für die Landwirtschaft, insbesondere den Obst- und Weinbau“.

Diese Einschätzung teilen die Metereologen weitgehend, verweisen aber berufsbedingt auf  den sogenannten Altweibersommer, in Nordamerika besser bekannt als „Indian Summer“. In Händlerkreisen benutzt man den Begriff gerne für Rabatt- und Sonderaktionen in herbstlichen Zeiten, wenn es darum geht, liegengebliebene Badehosen, Schwimmflügel und Sonnenbrillen zu  Dumpingpreisen zu verschleudern. In der Wandervogelabteilung verbindet man den heißen Herbst indes mit der Hoffnung auf einen „goldenen Oktober“. Soweit die ausnahmslos harmlosen Erklärungen für das letzte Jahresquartal.

Für den widerborstigen Homo politicus, ein Zweibeiner, der unlängst noch auf der Roten Liste bedrohter Arten ganz oben stand, bahnen sich hingegen heiße Herbstmonate an und das aus guten Gründen. Wir werfen einen Blick auf aktuelle Geschehnisse, die das Volk umtreiben lassen, weíl ihm buchstäblich die Seele bis hoch zur Halskrause  kocht. Die Auswahl ist willkürlich und erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Also: Gegen das Sparpaket der Bundesregierung, da sind sich die Politauguren durch die Bank  ziemlich einig, wird es Massendemonstrationen geben. Die Mehrheit unserer Landsleute will nicht mehr einsehen, dass gerade denjenigen Schmalkost verordnet werden soll, denen man sowieso schon das letzte Hemd aus dem Kleiderschrank gestohlen hat und ihnen frech erklärt wird, sie mögen doch, quasi als Zusatzopfer, auch noch den Gürtel enger schnallen.

Aber zuvorderst ist eine Bewegung wieder in Erscheinung getreten, die fast schon musealen Charakter hatte, aber nun jäh auftauchte wie einst Phönix aus der Asche. Man hatte sie bereits abgeschrieben – die Anti-AKW-Bewegung. Zu verdanken ist das der schwarz-gelben Gurkentruppe, die kürzlich einen Atomdeal ausgehandelt hat, bei dem sich die AKW-Betreiber begeistert auf die Schenkel klopften und dabei mit ihren Brennstäben um die Wette strahlten. Die Chronologie des einseitigen Geschäfts über die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke  ist ein Paradebeispiel für undemokratisches Gebaren der besonderen Art. Am 6. September trat Angela Merkel vor die Öffentlichkeit und schwadronierte über eine „Revolution in der Energieversorgung“. Die Dinger dürfen nun 12 Jahre länger laufen als nach dem Atomausstiegsgesetz von 2002 vorgesehen. Als Gegenleistung hätten sich die Konzerne verpflichtet, zukünftig eine Steuer auf Brennstäbe zu berappen und einen Sonderbeitrag zur Förderung Erneuerbarer Energien zu leisten.

Was Merkel allerdings erstmal unterschlug, kam  später durch einen Versprecher des RWE-Vorstandsmitglieds Rolf Martin Schmitz ans Tageslicht. Die Energiekonzerne sassen bei der Beratung über den Deal per Konferenzschaltung mit am Tisch. Eine dreiste Kumpanei, die allerdings die Regierung als „ganz normalen Vorgang“ bezeichnete.

Erst auf Druck der Opposition und kritischer Medien wurde der Geheimvertrag mit den Konzernen dann veröffentlicht. Das muss man sich mal durch die Gehirnwindungen pressen: Die AKW-Betreiber waren im Kanzleramt zugegen, als über ihre Regulierung und Besteuerung debattiert und entschieden wurde! Das ist ungefähr so, als würde das Gericht den Angeklagten vor der Urteilsverkündung zu einem Gespräch bitten und mit ihm zusammen das Urteil aushandeln. Unvorstellbar, aber im aktuellen Politgeschäft zwischen windigen Volksvertretern und abgezockten Energiemogulen mittlerweile wohl an der Tagesordnung.

Womit diese randständigen Vertragspartner allerdings nicht gerechnet haben: Mit ihrer unappetitlichen Lobbypolitik treibt die Regierungskoalition die Menschen aus ihren Häusern. Fast 100 000 protestierten unlängst in Berlin gegen die Atompolitik und die ausgemauschelte Verlängerung der AKW-Laufzeiten. Die fast schon vergessenen Transparente mit der Aufschrift „Atomkraft Nein Danke“ flattern wieder im Wind, wie einst in Wyhl, Wackersdorf und anderswo. Unter den Demonstranten sind viele, die bislang still gehalten haben, aber es nun nicht mehr akzeptieren wollen, dass man über ihre Köpfe hinweg entscheidet. Der Kniefall von Merkel und Konsorten vor der Atomlobby mobilisiert breite Bevölkerungsschichten, eine Mehrheit ist gegen den Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Der Herbst 2010 könnte also in der Tat ein ziemlich heißer werden. Massenhafte Proteste gegen eine abgewirtschaftete Machtelite im Endstadium, die ihre Bodenhaftung längst verloren hat,  gibt es auch vor unserer Haustüre. Seit Monaten versammelt sich halb Stuttgart, um Woche für Woche gegen den Abriss des alten Bahnhofs zu protestieren. Die schrecklichen Bilder einer Tausendschaft von vermummten und behelmten Polizisten, die mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Knüppeln auf Jugendliche und Senioren losgingen, haben weltweites Aufsehen erregt. Das völlig überzogene Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ könnte auf der Kippe stehen, wenn der Volkszorn gegen dieses Vorhaben ohne Sinn und Verstand weiter anhält.

Darauf hofft unverhohlen
Franz Holz