LISSABON-Portugal: Tausende nahmen Abschied von Literatur-Nobelpreisträger José Saramago
26.06.2010

LISSABON-Portugal: Tausende nahmen Abschied von Literatur-Nobelpreisträger José Saramago

Eine lange Menschenschlange hatte sich am frühen Samstagnachmittag des 19. Juni vor dem Rathaus der portugiesischen Hauptstadt Lissabon gebildet. Auf zwei großformatigen Fotografien rechts und links des Eingangs stand zu lesen "Obrigado, José Saramago" (Danke, José Saramago). Tausende gingen schweigend an dem dunklen Holzsarg vorbei, der feierlich aufgebahrt worden war. Sie waren gekommen, um Abschied zu nehmen von dem Mann, dem 1998 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Viele hatten Tränen in den Augen.

Die Reaktionen des Vatikans waren jedoch nicht von Trauer und Ehrerbietung geprägt, sondern von wütender Attacke. Die spanische Zeitung EL PAÍS titelt in ihrer Online-Ausgabe vom 20.06.2010: Portugal weint und der Vatikan attackiert! Mit großer Härte und Wut prangerte der L’Osservatore Romano, die offizielle Tageszeitung des Vatikans, in seiner Sonntagsausgabe Saramago als Marxisten an, der antireligiöse Ideologien verbreitet habe – derstandard.at schreibt: "Sprachrohr des Vatikans tritt posthum gegen Literaturnobelpreisträger nach."

Saramago war schon seit jeher einer der unbeugsamen Intellektuellen, die sich einmischten und Widerstand leisteten. In seinen Romanen und Reden und in seinem Internet-Blog rechnete er als Antiklerikaler mit der blinden Religiosität jeglicher Couleur ab. "Als Freigeist, mahnender Zeitgenosse und scharfsinniger Poet legte er überall dort, wo Unrecht geschah, seinen Finger in die Wunde", ist in einem Kommentar auf ZEITonline zu lesen.

Mit einer Militärmaschine wurde Saramagos Leichnam von Lanzarote nach Lissabon überführt, seine Frau Pilar de Roja, seine Tochter Violante, Freunde und Nachbarn begleiteten ihn auf seiner letzten Reise. José Saramago, Mitglied der kommunistischen Partei Portugals, als Schriftsteller sprachmächtig wie kaum ein anderer und ungemein produktiv bis zuletzt, ist am Freitag im Alter von 87 Jahren in seinem Haus auf Lanzarote gestorben.

1993 kehrte er Portugal erbost den Rücken und übersiedelte nach Spanien, in seine neue Wahlheimat Lanzarote. Damals war sein gerade erschienener Roman Das Evangelium nach Jesus Christus wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle von der Vorschlagliste für den Europäischen Buchpreis gestrichen worden. Saramago, der die Salazar-Diktatur verurteilt und die Nelken-Revolution miterlebt hatte, regierte entsetzt, "ein beschämendes Verhalten in einer Demokratie!"

Im Roman wird das Leben und Sterben Jesu neu erzählt. Saramago stellt seinen Jesus als "Mensch unter Menschen" dar - lebenshungrig und voller Neugierde, sinnenfroh und genießerisch, manchmal aber auch ängstlich und unsicher." (Rowohlt) Das Buch löste im katholischen Portugal heftige Debatten aus. Ein Rezensent formulierte es so: "Was soll ein Erzkatholik von einem Buch halten, in dem der Teufel sympathischer dargestellt wird, als Gott?"

Dass jegliche Kritik in diesem Fall viel zu kurz greift, werden nur diejenigen Leser beurteilen können, die unvoreingenommen an das 511 Seiten starke Werk herangehen. Saramagos Jesus ist dem Irdischen zugewandt, klug und voller Fragen. In diesem Buch stellt der Querdenker und Mahner, der große alte Mann Portugals, "mit beeindruckender Radikalität Geschichte, Religion und Legende in Frage." (Rowohlt)

Saramago wurde 1922 als Sohn eines Landarbeiters in einem kleinen Dorf bei Lissabon geboren. Mit 12 Jahren musste er die Schule verlassen, weil kein Geld da war. Da griff er zur Selbsthilfe und las sich durch alle Bibliotheken Lissabons. Ein schreibender Autodidakt, der mit vierzig sein erstes Buch veröffentlichte und mit 75 Jahren so erfolgreich war, dass sein Werk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Seine Romane sind in 25 Sprachen übersetzt worden.

Sein bekanntestes und zugleich bedrückendstes Werk, "Die Stadt der Blinden", wurde verfilmt und hatte im Mai 2008 beim Filmfestival in Cannes Premiere. Saramago über diesen Roman, "wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt, wegzuschauen."

Vor kurzem wechselte José Saramago zu einem anderen deutschen Verlag, deshalb erscheint sein neuer Roman, "Die Reise des Elefanten", in wenigen Tagen bei Hoffmann und Campe. Im Herbst 2011 wird dann der Roman "Kain" in deutscher Sprache veröffentlicht.

Roswitha Bosch

Bild 1: @ Pedro Soares, Oktober 2006, Verlag Hoffmann und Campe
Buchcover: "Die Reise des Elefanten", Verlag Hoffmann und Campe


Nachtrag aus www.sueddeutsche.de:
"Bis zum Ende seines Lebens blieb Saramago politisch. So zählte er im Januar 2002 zu den Hauptrednern bei der Präsentation des Attac-Manifests und plädierte dabei für neue Gerechtigkeit und ethisches Handeln. Lange Zeit hatte er als prominentester Fürsprecher Kubas gegolten, im April 2003 kündigte er in einem Artikel in der Zeitung EL PAÍS seine Gefolgschaft auf, nachdem drei Bootsentführer in Kuba hingerichtet worden waren."