Goldgelbes Abendlicht vor dem Güterbahnhof, die Türen sind geschlossen, drinnen wird noch geprobt. Auf der Rampe warmes Grillfeuer, entspannen bei einer Ingwer-Limonade, ein kleiner Plausch mit einer jungen Frau aus St. Gallen, die auch zum ersten Mal hier ist….
Eine große, leere Verladehalle… sparsam beleuchtet in kaltem Weiss und frostigem Blau, statt einem Bühnenbild nur grobmaschige Netze, die vom rauen Betonfussboden bis zur unverputzten Decke reichen… keine Requisiten, nur ein Dutzend Metallstühle, im Raum verteilt, übereinandergeworfen… ein Zug fährt ratternd vorbei, die Halle vibriert…
Dreimal wurde „TRANSIT – eine theatrale Erkundung“  schon aufgeführt. Etwa 120 Zuschauer waren zur letzten Vorstellung heute vor einer Woche gekommen. Fröstelnd nehmen sie auf den grauen und weißen Plastikstühlen Platz, erneut fährt ein Zug vorbei, das Licht flackert…
Aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds lösen sich  Gestalten, sie rufen und schreien alle wild ducheinander, Wortfetzen in vielen Sprachen dringen ans Ohr, langsam kommen die vier Schauspieler ins Licht… Eine junge Frau im hellblauen Kleid, Marie, klettert hoch in eines der Netze, ihr Gesichtsausdruck ist starr, reglos hängt sie dort oben, schweigend gefangen im Wort-Wirrwarr der anderen.
Ein Koffer wird in die Bühnenmitte geschleudert, es ist der Koffer ihres Mannes, angefüllt mit Manuskripten und Briefen. Marie sucht ihn in allen Winkeln, der mit Flüchtlingen, Entwurzelten und Vertriebenen überfüllten Hafenstadt Marseille. Er soll ihr Visum unterschreiben, sie ahnt nicht, dass er längst tot ist, sich in letzter Verzweiflung in Paris beim Einmarsch der Nazis das Leben genommen hat.
Das Schicksal von Marie und den anderen bleibt offen… wir wissen am Ende nicht, wer einen Platz auf dem Schiff nach Mexico erhalten hat. Der namenlose Ich-Erzähler will bleiben, um sich der Résistance anzuschließen. Einem Gerücht zufolge, soll die „Montreal“, das rettende Schiff, gesunken sein…
Maries letzter Satz ist Hoffnung und Verzweiflung zugleich –  „…bis ans Ende der Welt…“
Katja Langenbach ist im St. Galler Lattich eine bedrückend zeitlose Inszenierung gelungen. Sie hat den umfangreichen Roman TRANSIT von Anna Seghers heruntergebrochen auf das Wesentliche – in Wortfetzen und kurzen Textteilen, begleitet von bedrohlichen Musik-Sequenzen, wird die Ausweglosigkeit zum lebendigen Bild. Vor allem in der ersten Hälfte der Aufführung zeigt sich die Rastlosigkeit und lebensbedrohende Angst der Heimatlosen und Verfolgten: Die Szenen kippen in ein synchrones Bewegungstheater – die vier Schauspieler – Hella Immler, Marta Rosa, Martin Carnevali und Alexandre Pelichet – zerren sich, liegend und rollend, zu einem lebendigen Knäuel verstrickt, in einer eindrucksvollen Choreographie über den Bühnenboden.
Nichts gibt Halt in diesem Spiel der Hoffnungslosigkeit. Die ausweglose Situation steht beispielhaft für das trostlose Erleben der Flüchtlinge, die 2017 an den geschlossenen Grenzen nach Europa gescheitert sind..
Anna Seghers kennt den Fluchtpunkt Marseille aus eigenener schrecklicher Erfahrung. Sie ist 1900 geboren. Als Jüdin und Mitglied der KPD wurden ihre Bücher von den Nazis verbrannt. 1933 gelang ihr die Flucht über die Schweiz nach Paris, 1940 in den noch unbesetzten Teil Südfrankreichs. 1941 konnte sie, zusammen mit ihrer Familie, von Marseille nach Mexico flüchten. TRANSIT wurde 1941/42 im Exil geschrieben, erschien 1948 als Buchausgabe in deutscher Sprache und wurde damals als Meisterwerk der deutschen Exilliteratur gefeiert.
 
Mit ihrem Roman hat Anna Seghers dem mexikanischen Konsulat in Marseille ein literarisches Denkmal gesetzt. Generalkonsul Gilberto Bosques stellte insgesamt 40.000 Flüchtlingen Visa für Mexico aus und ermöglichte ihnen – darunter auch Anna Seghers – die Flucht in die Freiheit.

Fotos 1, 3, 4: © Tine Edel

Fotos 2, 5, 6, 7:  © Roswitha Bosch

 

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